Rouke van der Hoek

 

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Rouke van der Hoek wurde 1952 in Eindhoven (Niederlande) geboren. Er studierte in Amsterdam und wohnt seit 1980 in Süd-Limburg. Er arbeitet als Organisationsberater. Er ist Vorstandsmitglied des zweijährlichen Poesiefestivals 'The Maastricht International Poetry Nights'.
Lyrikveröffentlichungen:
1992:    Doorgewinterd landschap, Uitgeverij Herik, in 1993 für den C.Buddingh'-Preis für Debütanten nominiert.
1992:    Echo, Gedichte zu Gemälden von Stijn Peeters.
1994:    Vaarwater, Zwarte Reeks (nr. 26), Herik, Landgraaf
2001:    Het magnetisch noorden, Atlas, Amsterdam.
2003:    Cent van 1828, Collectie Centre Céramique, Maastricht.

2005:    Gedempt gejuich, In de Bonnefant, Banholt

2005:    Bodemdaling, Atlas, Amsterdam

 

 

Manufaktur
 
Wie Sphinxen starrten Schiffe auf der Werft über Kanäle.
Unter dem Gehsteig kämpften Kumpels an der Kohlefront.
Holz verschwand in Möbeln und Pfosten. Spürbar
war das Leben im Zeitalter der Manufaktur.
Heute meckern wir über Bildschirme und
Haufen Abstraktionen, die keine Türme ergeben wollen.
Weil Quizgewinner der Informationsgesellschaft
meinten, wir könnten ohne. Ja, wir,
aber nicht unsere Hände, die Heimweh haben.
 
aus dem Niederländischen von Marinus Pütz
 
 
Altes Spielzeug
 
Zwei abgenagte Bären stehen neben meinem Bett.
Der graue Einauge, den ich verdächtige,
Sturmgeräusche zu machen, in jener Nacht, Februar 1953.
Der kleine Gelbe, fast ohne Fell, der mit dem Bruder
ins Krankenhaus ging, aus dem Krankenhaus kam, und von den Nonnen
daselbst zum engelreichen Glauben bekehrt wurde.
 
Anderswo im Haus scheint das Licht sanft auf die kleinen Schädel
der farblosen Dinky Toys, Made by Meccano,
nur in den Grundzügen noch die Form erhalten
nach ihrer Reise durch viele Kinderhandjahrgänge:
beliebte Zusammenstöße, Stürze von Tischen,
Übernachtungen im Gras.
 
Junges Spielzeug hilft, dich an die Welt zu gewöhnen.
Partner in Not, Übungsmaterial, Miniatur.
Später wächst es auf Abstand mit, bis es altes Spielzeug ist,
das nichts anderes mehr darstellen will
als sich selbst. Gemangelt und verbeult
hilft es, dich der Welt zu entwöhnen.
 
aus dem Niederländischen von Marinus Pütz
 
 

 

Leitungen und Kanalisationen gründeten Nationen 

 

Einst waren Landesgrenzen relativ.

Man besuchte sich gegenseitig,

verkaufte Butter, kaufte Tabak,

tanzte nach der Weise der

relativen Preisschwankungen.

 

Sprachen liefen glühend ineinander über.

Kleine Akzentverschiebungen von Dorf zu Dorf

spiegelten die Lage der Linien wieder

während des Österreichischen Erbfolgekriegs

(manchmal blieb ein Söldner hängen).

 

Bis die Hygieniker kamen,

moderne Zeiten atmeten,

Grenzdörfer mit Wasserrohren, Kanalisation

Gasleitungen und Schulgesetzen

mit der Mitte des Landes verbanden.

 

Blickrichtung weiter eingeschränkt durch Telefon

und Fernseher. Wir die Hochsprache von Dappere Dodo*,

sie mit nachsynchronisiertem John Wayne.

Grenzlinien als Wasserscheide,

grüne Wanderwege für Marder.

 

So wurden Länder Nationen, Einwohner Völker.

Abgegrenzt, Rücken an Rücken,

starrend auf den eigenen Nabel.

Auskristalisierung eines Kraftfelds.

.

Aggregatzustand, veränderlich wie eine Laune.

 

* Dappere Dodo war eines der ersten Kinderprogramme im niederländischen Fernsehen der fünziger Jahren.
 

aus dem Niederländischen von Marinus Pütz

 

 

Urbarmachung des Moors

 

Urbarmachung, Trockenlegung des Moors

ließen Holland wie einen  Fahrstuhl sacken

- emsige Mühlen winkten freundlich nach -

bis unter den Spiegel des Meers.

 

Das zuschlug mit seinen Meeresarmen: Entwässerung

wird im Gegenzug zu salziger Bewässerung.

Eingedämmt deshalb. Damm in der Amstel.

Dam in der Rotte, in der Zaan, in der Schie.

 

Dass handmäßige Umschlag von Schiffsladung

durch eilige Träger über den Dam

von Außen- nach Binnengewässer

die holländische Hafenstädte schuf:

 

Anfängerglück. So wie die herbe Pracht

von hölzernen Schleusentoren, der Geruch von Teer,

Poldern und der Wirrwarr von Wasseranlagen

wo Glasaale, wühlend im Schlamm

 

und saugend an ertrunkenen Hunden,

zu Silberaalen reifen, von Deichbewohnern

nachts mit dem Haken herausgestochert.

Herrenmahl für die Armen.

 

Dass solches möglich ist und dass du es gesehen hast

diese unwahrscheinliche Umgebung, ungewollter

Nebeneffekt, darf ebenfalls Anfängerglück heißen

und geschieht dir kein zweites Mal.

 
aus dem Niederländischen von Marinus Pütz

 


 

 

Ode an die Kohlereviere 

 

Frostige Winter hängen im Kohlerevier.

Schwarz-weiß gestrichene Fassaden, Geruch von Zucht

und verfallenen Dächern. Die Fördertürme und der

Steinberg, auf deiner Taufurkunde noch zu sehen,

 

Liebste. Borinage, Merthyr Tydfil, Katowice,

Lothringen, Kerkrade, Stolberg, Genk, Geleen:

Vulkane, Flammöfen der Geschichte.

Sie saugen an, sie vermengen und sie stoßen aus,

 

wenn die Stollen erschöpft sind. Wie Braunkohlestaub

verwehen die Menschen über das Land. Niederschlag.

Lange vor dem Fernseher uniformierten die Kohlereviere

die Zivilisationen in Europa. Kinderreichtum,

 

Blasorchester und Traurigkeit. Unterbewertet

sind Kohlereviere, die schwarzen Flecken auf Landkarten.

Man will sie wegputzen, treten wie Hunde,

sie knurren einfach und legen sich wieder hin.

 

Die planierten Zechen kann man

Blumenort oder Parkstadt nennen, doch unter der

neuen Farbe schimmert der alte Name.

Schlafende Vulkane, schlechte Träume.

 

aus dem Niederländischen von Marinus Pütz

 

 

 

 

 

 

Der Kartoffelzyklus
 
Entscheidend für Kranke und Bedürftige
(nach einer Redensart aus meiner Kindheit)
war das Holen der neuen Kartoffeln.
Kraftquelle. Mögliches Sprungbrett nach
den neuen, neuen Kartoffeln,
liebäugelnd hinter dem Kreidestrich
des kommenden Winters.
So lebte man
von Kartoffelernte
zu Kartoffelernte.
Grund, weshalb ich sie züchte im Gemüsegarten.
Nicht das Ritual der Silvesternacht
- mit knallen Korken, Krachern und Küssen -
markiert die Berührung zwischen Jahr und Jahr,
sondern der feierliche Moment, wenn deine Forke
die ersten Frühkartoffeln nach oben holt.
Knochenfarbene Knollen, mit Augen voller Erde.
Auffällige Ähnlichkeit mit den Schädeln
derer, die zwischen zwei Kartoffelernten
unter die Erde gingen.
  
aus dem Niederländischen von Marinus Pütz