Leitungen und Kanalisationen
gründeten Nationen
Einst waren Landesgrenzen
relativ.
Man besuchte sich gegenseitig,
verkaufte Butter, kaufte Tabak,
tanzte nach der Weise der
relativen Preisschwankungen.
Sprachen liefen glühend
ineinander über.
Kleine Akzentverschiebungen von
Dorf zu Dorf
spiegelten die Lage der Linien
wieder
während des Österreichischen
Erbfolgekriegs
(manchmal blieb ein Söldner
hängen).
Bis die Hygieniker kamen,
moderne Zeiten atmeten,
Grenzdörfer mit Wasserrohren,
Kanalisation
Gasleitungen und Schulgesetzen
mit der Mitte des Landes
verbanden.
Blickrichtung weiter
eingeschränkt durch Telefon
und Fernseher. Wir die
Hochsprache von Dappere Dodo*,
sie mit nachsynchronisiertem
John Wayne.
Grenzlinien als Wasserscheide,
grüne Wanderwege für Marder.
So wurden Länder Nationen,
Einwohner Völker.
Abgegrenzt, Rücken an Rücken,
starrend auf den eigenen Nabel.
Auskristalisierung eines
Kraftfelds.
.
Aggregatzustand, veränderlich
wie eine Laune.
* Dappere Dodo war eines der ersten Kinderprogramme
im niederländischen Fernsehen der fünziger Jahren.
aus dem Niederländischen von
Marinus Pütz
Urbarmachung
des Moors
Urbarmachung, Trockenlegung des
Moors
ließen Holland wie einen
Fahrstuhl sacken
- emsige Mühlen winkten
freundlich nach -
bis unter den Spiegel des Meers.
Das zuschlug mit seinen
Meeresarmen: Entwässerung
wird im Gegenzug zu salziger
Bewässerung.
Eingedämmt deshalb. Damm in der
Amstel.
Dam in der Rotte, in der Zaan,
in der Schie.
Dass handmäßige Umschlag von
Schiffsladung
durch eilige Träger über den Dam
von Außen- nach Binnengewässer
die holländische Hafenstädte
schuf:
Anfängerglück. So wie die herbe
Pracht
von hölzernen Schleusentoren,
der Geruch von Teer,
Poldern und der Wirrwarr von
Wasseranlagen
wo Glasaale, wühlend im Schlamm
und saugend an ertrunkenen
Hunden,
zu Silberaalen reifen, von
Deichbewohnern
nachts mit dem Haken
herausgestochert.
Herrenmahl für die Armen.
Dass solches möglich ist und
dass du es gesehen hast
diese unwahrscheinliche Umgebung,
ungewollter
Nebeneffekt, darf ebenfalls
Anfängerglück heißen
und geschieht dir kein zweites
Mal.
aus dem Niederländischen von
Marinus Pütz

Ode an die
Kohlereviere
Frostige Winter hängen im
Kohlerevier.
Schwarz-weiß gestrichene
Fassaden, Geruch von Zucht
und verfallenen Dächern. Die
Fördertürme und der
Steinberg, auf deiner
Taufurkunde noch zu sehen,
Liebste. Borinage, Merthyr
Tydfil, Katowice,
Lothringen, Kerkrade, Stolberg,
Genk, Geleen:
Vulkane, Flammöfen der
Geschichte.
Sie saugen an, sie vermengen und
sie stoßen aus,
wenn die Stollen erschöpft sind.
Wie Braunkohlestaub
verwehen die Menschen über das
Land. Niederschlag.
Lange vor dem Fernseher
uniformierten die Kohlereviere
die Zivilisationen in Europa.
Kinderreichtum,
Blasorchester und Traurigkeit.
Unterbewertet
sind Kohlereviere, die schwarzen
Flecken auf Landkarten.
Man will sie wegputzen, treten
wie Hunde,
sie knurren einfach und legen
sich wieder hin.
Die planierten Zechen kann man
Blumenort oder Parkstadt nennen,
doch unter der
neuen Farbe schimmert der alte
Name.
Schlafende Vulkane, schlechte
Träume.
aus dem Niederländischen von
Marinus Pütz

Der Kartoffelzyklus
Entscheidend für Kranke und
Bedürftige
(nach einer Redensart aus
meiner Kindheit)
war das Holen der neuen
Kartoffeln.
Kraftquelle.
Mögliches Sprungbrett nach
den neuen, neuen Kartoffeln,
liebäugelnd hinter dem
Kreidestrich
des kommenden Winters.
So lebte man
von Kartoffelernte
zu Kartoffelernte.
Grund, weshalb ich sie
züchte im Gemüsegarten.
Nicht das Ritual der
Silvesternacht
- mit knallen Korken,
Krachern und Küssen -
markiert die Berührung
zwischen Jahr und Jahr,
sondern der feierliche
Moment, wenn deine Forke
die ersten Frühkartoffeln
nach oben holt.
Knochenfarbene Knollen, mit
Augen voller Erde.
Auffällige Ähnlichkeit mit
den Schädeln
derer, die zwischen zwei
Kartoffelernten
unter die Erde gingen.
aus dem Niederländischen von
Marinus Pütz
