ZUSAMMENFASSUNG

 

Ordnung des Gottesdienstes. Hintergründe und Entwicklungen der Gottesdienstpraxis der 'Gereformeerde Kerken in Nederland'

 

Kapitel 1:             Einleitung.

Diese Studie befaßt sich mit der Gottesdienstpraxis der im Jahre 1892 gegründeten 'Gereformeerde Kerken in Nederland'. Eine der Leitfragen ist: Wer bestimmte die Form des Gottesdienstes in dieser Kirche? War es die örtliche Gemeinde, der Pfarrer, der Kirchenvorstand oder die Synode? Zur Beantwortung dieser Frage müssen nicht unbedingt alle Aspekte des Gottesdienstes in Betracht gezogen werden. Es genügt die Gottesdienstord­nung und ihre Einzelteile, sowie die Tauf- und Abendmahlsliturgie zu untersuchen. Eine weitere Be­schränkung ­betrifft die Bereiche, in denen man sich mit dem Gottesdienst beschäf­tigt hat: die Theologie und die Synode. Ein möglicher Unterschied zwischen Theorie und Praxis des Gottesdienstes kann ­außer Betracht gelassen werden, denn bis vor kurzem gestalteten die örtlichen Gemeinden der 'Gereformeerde Kerken' ihren Gottesdienst im großen und ganzen so, wie es die Nationalsynode beschlossen und vorgeschrieben hatte. Die vorliegende Studie unterscheidet sich von anderen bisher publizierten Schriften über das Thema unter anderem in der Verarbeitung mehrerer bisher noch nicht oder nur teilweise erforschter Archive.

 

Kapitel 2:             Zur 'alten' Agende (1817 - 1869).

Die 1892 gegründeten 'Gereformeerde Kerken in Nederland' hatten zwei Vorgän­ger. In diesem Kapitel geht es um die Kirche, die sich 1834 von der 'Nederlandse Hervormde Kerk' abspaltete. Diese Kirche bekannte sich zu der Konfession, der Kirchenordnung und der Agende, Schriften mit denen sich die reformierte Synode von Dordrecht 1618-19 befaßt hatte und die in der 'Hervormde Kerk' in den Hintergrund getreten waren. Es stellte sich heraus, daß die Gemeinden die zur neuen Kirche gehören wollten, sich in der Gestaltung des Gottesdienstes nach der Situation sehnten, die es einige Jahr­zehnte davor noch gegeben hatte, die aber von der Synode der 'Hervormde Kerk' 1817 geändert worden war. Diese Gemeinden weigerten sich vor allem, die von der Synode aufgezwungenen Bräuche zu befolgen, die sie noch nicht (lange genug) kannten.

Im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts änderte sich die Lage in der 'Hervormde Kerk' langsam. Der Pfarrer bekam zwar mehr Freiheit, den Gottes­dienst nach seiner eigenen Überzeugung zu ordnen, mußte aber zu gleicher Zeit mehr als früher bezüglich der Wünsche der Gemeinde Rechenschaft ablegen.

 

Kapitel 3:             Der 'kirchlichen' Agende gemäß (1869 - 1892).

Im Gegensatz zur Abspaltung der Vorgänger im Jahre 1834 war die Abspaltung der anderen Vorgän­ger der 'Gereformeerde Kerken in Nederland' im Jahre 1886 gut vorberei­tet. Der Name A. Kuypers ist eng mit ihr verbunden. Kuyper setzte voraus, daß nicht der Pfarrer sondern die Gemeinde das Recht hat, ihren Gottesdienst zu bestimmen, aber dazu kaum Möglichkeiten hatte, weil im Jahre 1816 eine neue Kirchenordnung in Kraft gesetzt worden war. Aus diesem Grund meinte Kuyper, daß Gemeinde und Pfarrer die Agende der Synode von Dordrecht 1618-19 ohne Änderungen benutzen sollten. Diese Agende war nämlich die letzte, die von den zu einer Nationalsynode versammelten Gemeinden festge­stellt worden war. Diese Agende war es auch, die zusammen mit der Kirchenordnung und der Konfession der Synode von Dordrecht die Grundlage der 1886 von der 'Hervormde Kerk' abgetrennten Kirche Kuypers - die 'Nederduitsche Gereformeerde Kerken' - gestaltete.


Die liberale Atmosphäre der 'Hervormde Kerk' beeinflußte auch das Verhalten der im Jahre 1834 von ihr abgespalteten Gemeinden, die sich 1869 größtenteils in der 'Christelijke Gereformeerde Kerk' vereinigten. Während die Be­kenntnisschriften von Dordrecht für das Funktionieren der 'Hervormde Kerk' fast keine Bedeutung mehr hatten, betonte man in der 'Christelijke Gereformeerde Kerk', daß diese dort besonders wichtig seien. Das genaue Lesen der alten Agende - ohne Änderungen - betonte man weniger stark.

 

Kapitel 4:             Entweder die 'alte' oder die 'kirchliche' Agende (1892 - 1911).

Aus den vorhergehenden Kapiteln ergibt sich, daß die beiden Vorgänger der 'Gereformeer­de Kerken in Nederland' zwar auf die Agende (sowie die Kirchenordnung) von Dordrecht zurückgegrif­fen hatten, aber diese trotzdem verschieden bewerteten. Während die Agende für die 'Christelijke Gereformeerde Kerk' vor allem wegen ihres Alters Bedeutung hatte, betonten die 'Nederduitsche Gereformeerde Kerken', daß diese Agende einst von den Gemeinden (Kirchen) selbst angenommen worden war. Die Bewertung der Agende beruhte bei den erstgenannten ­hauptsächlich auf religiösen Gefühlen, bei den letzteren auf sachlich-juristischen Gründen. Bei der Vereinigung beider Kirchen im Jahre 1892 wurde aber nicht vereinbart welche Ausgabe der Agende benutzt werden sollte. Im Jahre 1897 veröffentlich­te F.L. Rutgers eine Ausgabe, die nach seiner Meinung und nach der der anderen führen­den Theologen den Ent­schlüssen der Synode von Dordrecht entsprach. Die Synode weigerte sich aber im Jahre 1902 diese Ausgabe kirchlich festzustellen und den Gemeinden vorzuschreiben. Sie hätte damit eine Kirchenspaltung riskiert. Die Anhänger Kuypers fanden zum Beispiel im Falle der Kindertaufe in der genannten Agende einen Beweis für ihre Praxis einen Säugling so schnell wie möglich nach seiner Geburt in einem Gemeinde­gottesdienst zu taufen, auch wenn die Mutter noch nicht dabei sein konnte. Im Taufformu­lar wurde nämlich nur der Vater angesprochen. Die aus der 'Christelijke Gereformeerde Kerk' hervorgekommenen Gläubigen wollten dagegen auch aus theologischen Gründen an dem späteren Brauch festhalten und abwarten bis auch die Mutter im Gottesdienst anwesend sein konnte. Sie wehrten sich gegen den wachsenden Einfluß Kuypers. Die Synode beschränkte sich schließlich auf die Empfehlung, möglichst dem Text der Ausgabe Rutgers zu folgen.

Die Haltung der Synode im Jahre 1902 war für Kuyper eine Enttäuschung. Er hatte in der von ihm geleiteten Zeitung 'De Heraut' zwischen 1897 und 1902 eine Reihe Artikel publiziert lassen um den Versuch zu unterstüt­zen die Agende von einer kirchlichen Versammlung annehmen zu lassen. Im Jahre 1911 sammelte er diese Artikel, schrieb neue und publizierte sie in Onze Eeredienst. Aber auch dieser Versuch das liturgische Bewußtsein der Gläubigen zu vergrößern scheiterte. Fast zwanzig Jahre nach der Gründung der 'Gereformeerde Kerken in Nederland' waren es noch immer die Pfarrer, die den Gottesdienst be­stimmten und auch wegen des zentralen Ortes der Predigt die Leitung hatten. Weil aber viele Pfarrer der Ansicht waren, daß sie dabei die Anweisungen der Agende und der Kirchenordnung wörtlich befolgen mußten, nahm der Einfluß der Gemeinden zu. Diese konnten ihrerseits in gewissem Sinne nämlich die Gestaltung der Agende und der Kirchenordnung mitbestimmen.

 

Kapitel 5:             Erneuerung um der Einheit willen (1911 - 1933).


Allmählich trugen die Ansichten Kuypers Früchte. Im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts verstärkte sich die Überzeugung, daß sowohl die Bekenntnisschriften als auch die Agende eingehend revidiert werden mußten. Viele neue Fragen kamen auf, auf die man in den alten Bekenntnissen keine Antworten finden konnte. Die konfessionelle Einheit, die die 'Gereformeerde Kerken in Nederland' kennzeichnete, schien verloren zu gehen. Die Synode von Leeuwarden beschloß 1920, daß einige Ausschüsse sich gründlich mit der Agende und den reformierten Bekenntnisschriften befassen und Vorschläge zur Verbesserung und Erweiterung machen sollten. Bezüglich der Be­kenntnisse kamen solche Vorschläge nie zustande. Im Bezug auf die Agende konnten im Jahre 1923 durch die Synode Fragen zum öffentlichten Glaubensbekenntnis festgestellt werden. Weitere Abänderungen erlangten kaum Bedeutung, da sie die Einheit in Gefahr gebracht hätten.

Nachdem im Jahre 1923 eine Ordnung für den Sonntagsgottesdienst - die wie die soeben genannten Fragen in der Agende fehlte - von der Synode als überflüss­ig abgelehnt worden war, entschloß sich ihre Nachfolgerin im Jahre 1930 eine solche entwerfen zu lassen. Die Einheit sollte mit einer Ordnung gefördert werden. Die 1933 von der Synode angenomme­ne Ordnung schloß sich der in vielen Gemeinden existierenden Praxis an, sodaß sie ohne Widerstand von den Gemeinden übernommen werden konnte. Im selben Jahre änderte die Synode auch die Liedersammlung. Bis zu jenem Zeitpunkt gab es neben den Psalmen nur zwölf Gesänge. Im Jahre 1933 erhöhte die Synode ihre Zahl auf 29. Im Gegensatz zur Gottesdienstordnung wurde das Singen dieser Gesänge nicht vorgeschrieben. Der Entschluß darüber wurde dem örtlichen Kirchenvorstand überlassen. So versuchte die Synode einerseits dem Wunsch, mehr Gesänge singen zu können entgegenzukommen, aber andererseits auch Kirchenspaltung zu verhindern, beides um die Einheit zu erhalten.

 

Kapitel 6:             Die Grenzen des 'Gereformeerde'-n Gottesdienstes sind erreicht (1933 - 1956).

In den 'Gereformeerde Kerken' gab es nach der Synode im Jahre 1933 während eines Jahrzehn­tes fast keine neuen liturgischen Entwicklungen. Als 1936 außerhalb der eigenen Kirche von H. Hasper ein neuer Psalter präsentiert wurde, waren einige führende Theolo­gen und Kirchenmusiker davon so begeistert, daß sie diesen Psalter prüfen und nach kritischer Beurteilung im Gottesdienst benutzen wollten. Im Jahre 1943 stimmte die Synode dem Streben dieser Gruppe zu, obwohl sie die Benutzung des Psalters im offiziellen Gottesdienst noch nicht erlaubte. Zu dieser Zeit planten die Mitglieder dieser Gruppe unter Führung von Professor K. Dijk auch eine Besinnung auf andere Bereiche der Liturgie. Sie wollten sich mit ihren Einsichten deutlich von dem (liturgischen) Kreis unterscheiden, der sich um den Religions- und Liturgiewissenschaftler G. van der Leeuw gebildet hatte und in der 'Hervormde Kerk' einfluß­reich geworden war. Van der Leeuw und die Seinen wehrten sich gegen den Psalter Haspers. Dieser sei in poetischer Hinsicht nicht überzeugend.

Während der Kriegszeit kamen die 'Gereformeerde Kerken' und die 'Hervormde Kerk', die sich bis zu diesem Zeitpunkt fast nie amtlich miteinander in Verbindung gesetzt hatten, einander näher. Beide Kirchen waren zu der Überzeugung gekommen, daß ein neuer Psalter, der den alten gemeinschaftlichen aus 1773 ersetzen sollte, einen interkirchlichen Charakter haben sollte. Sie konnten sich in ihrem Urteil über den Psalter Haspers aber nicht einigen, und es schien als ob jede Kirche für sich die Psalmen bereimen würde. Die anfängliche Begeisterung in der 'Gereformeerde Kerken' über den 'schriftgemäßen' Psalter Hapsers nahm ab, als deutlich wurde welche Konsequenzen die getroffene Entscheidung hatte: weitere Isolierung. Im Mai 1953 wurde eine interkirchliche Arbeitsgemeinschaft von Dichtern, Theologen und Musikern gegründet, die einen neuen Psalter erstellten. Dieser Psalter konnte im Jahre 1967 sowohl von der 'Hervormde' wie von der 'Gereformeerde' Synode gutgeheißen werden.

Auch in anderen Bereichen der Liturgie waren die 'Gereformeerde Kerken' Mitte der fünfziger Jahre nicht nur bereit, das was außerhalb ihrer eigenen Kirche geschah zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch, mit einer gewissen Vorsichtigkeit auf synodaler Ebene mit anderen zusammenzuarbeiten. Im Jahre 1954 fand zum ersten Mal eine Unterredung zwischen dem 'Hervormde' und dem 'Gereformeerde' Ausschuß für neue Gesänge statt. Kurz danach eröffnete die 'Gereformeerde' Synode die Möglichkeit sich auch bei der Arbeit für die neue Agende mit Abgeordneten anderer reformierter Kirchen zu beraten. Zu gleicher Zeit wurde von der Synode ein neues Abendmahlsformular freigegeben, das neben dem alten benutzt werden konnte. Offensichtlich war die Einheit des Gottesdienstes nicht mehr so wichtig wie einige Jahrzehnte früher.

 

 


Kapitel 7:             Neubewertung des 'Gereformeerde'-n Gottesdienstes (1956 - 1957).

Während die 'Gereformeerde Kerken' vorsichtig anfingen ihre alten kirchlichen Grenzen zu überschreiten, drängte sich die Frage auf, wie der Gottesdienst sich weiter entwickeln sollte. Vermutlich befürwortete die Mehrheit der Gläubigen vorläufig Zurückhal­tung. Zwei Gruppen kritisierten die existierende Lage. Die eine Gruppe wünschte sich einen Gottes­dienst, der mehr auf die Gesellschaft und die Aktualität bezogen war. Die Liturgie stand aber nie im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Die andere Gruppe kämpfte für eine ökumeni­sche Wiederherstellung des Gottesdienstes und fand ihre Befürwor­ter vor allem in der im Jahre 1956 von einigen jungen Theologiestudenten gegründeten 'Gereformeerde Werkgroep voor Liturgie'. Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe bezogen sich auf die Prinzipien Calvins, der in der Gestaltung des Gottesdienstes versuchte dem Vorbild der früh-christ­lichen Kirche zu folgen. Im Laufe der nächsten Jahre erwarb diese Gruppe einen wachsen­den Einfluß auf die Beschlußfassung der 'Gereformeerde' Synode. Ihr erster Erfolg war, daß die Synode die Arbeitsgruppe und ihre Bemü­hungen innerhalb eines Jahres nach ihrer Gründung positiv bewertete. Auch Theologieprofessoren un­terstützten die Gruppe. Einer von ihnen, J.T. Bakker, war bereit die Ver­sammlung zu leiten.

 

Kapitel 8:             Wachsende Unterstützung für eine Neuorientierung (1957 - 1962).

In von der Synode veranlaßten Forschungsarbeiten stellte sich am Ende der fünfziger Jahre heraus, daß das Verhalten der Kirchgänger sich änderte. Es war noch nicht lange her, daß sie sich die Predigt anhörten wie das Wort Gottes selbst. Nun aber urteilten sie kritischer über dieses Teilstück des Gottesdienstes. Ziemlich viele gaben an, vor allem beim Abendmahl den ersehnten Segen zu empfangen. Weiter zeigte sich, daß die ständige, in einigen Gemeinden fast wöchentliche Wiederholung des klassischen Taufformulars abstumpfte und einem wirklichen Mitfeiern der Taufe im Wege stand. Die Synode reagierte im Jahre 1960 nur im begrenztem Maße: sie machte die Gemeinden auf die neuen Probleme aufmerksam und ließ diese von Sachverständigen weiter untersuchen.

Einige Gemeinden fragten sich in dieser Zeit, ob sie das Abendmahl öfter als in der gebräuchlichen zwei- oder dreimonatlichen Frequenz feiern durften oder sogar mußten, und auf welche Weise. Weder das klassische Abendmahlsformular noch das spätere kürzere waren für eine frequentere Feier geeignet. Konnte das Abendmahl auch ohne das lange, von der Didaktik geprägte Formular gefeiert werden? Der Kirchenordnung gemäß durfte nur die Synode darüber entscheiden. Im Herbst 1961 führte die Synode eine Untersuchung über die Problematik durch. Einige Monate später hielt sie es für notwendig auch die Gottesdienstordnung eingreifend untersuchen zu lassen, weil immer mehr Gemeinden von den Ordnungen abwichen, die von der Synode festgestellt worden waren. In die betroffenen Ausschüs­se ernannte die Synode unter anderem Mitglieder der schon erwähnten 'Gerefor­meerde Werkgroep voor Liturgie'. Diese Arbeitsgruppe war inzwischen schon zur Schlußfolgerung gekommen, daß sowohl Predigt als Abend­mahlsfeier Teil­stücke eines ökumenisch gestalteten Sonntagmorgengottesdienstes sein sollten. Dieselbe Synode erkannte die Sachkenntnis der Gruppe im Rahmen der Kirchenmusik und des Kirchenbaues an.

 

Kapitel 9:             Liturgische Angelegenheiten in ökumenischer Ordnung (1962 - 1966).


Im Januar 1966 besprach die Synode einen Rapport mit neuen Ordnungen für die Gottes­dienste (an Sonn- und Feiertagen) sowie für Andachten. Der Rapport war von den Ansichten der 'Gereformeerde Werkgroep voor Liturgie' geprägt, obwohl in der Ordnung für den Sonntagmorgengottesdienst die Abendmahlsfeier fakultativ war. In der Einleitung machten die Verfasser aber deutlich mit der bisher befolgten Umsicht brechen zu wollen und anstelle der reformiert-konfessionellen Aspekte der Liturgie den historisch-ökumeni­schen den Vorzug zu geben. Die Vorschläge kamen nicht überraschend. In den vorange­henden Jahren waren Synode und Gemeinden in der kirchlichen Presse und im Fernsehen auf diese Ordnungen vorbereitet. Solch ein Vorgang war vorher fast unbekannt. Auch die synodale Entscheidung war anders als man es gewohnt war. Die Synode setzte die älteren Ordnungen nicht außer Kraft und genehmigte die Benutzung der neuen, schrieb sie aber nicht mehr vor: die Kirchenvorstände sollten verordnen welche Ordnung benutzt werden sollte.

In der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen, vor allem mit der 'Hervormde Kerk', ließ man vorläufig Vorsicht walten: die Möglichkeiten wurden abgetastet. Im Hinblick auf ein neues Gesangbuch gab es Annäherungsversuche, aber diese wurden von dem zuständigen Beauftragten der 'Hervormde Kerk' auf Abstand gehalten.

 

Kapitel 10:            Konsolidierung trotz neuer Fragen (1966 - 1970).

Im allgemeinen reagierte man positiv auf die neuen Gottesdienstordnungen. Doch hörte man auch kritische Stimmen und nicht nur von denen, die Widerstand leisteten gegen jegliche Erneuerung oder gegen die historisch-ökumenische Grundlage der Ordnungen. Schon ein Jahrzehnt früher hatten manche nach einem mehr auf die Aktualität bezogenen Gottesdienst gefragt, und auch jetzt äußerten einige diesen Wunsch. Ihrer Meinung nach waren die klassischen Formen und Worte der neuen Ordnungen dafür nicht hinreichend. In einigen Gemeinden fing man an außerhalb der durch die Synode sanktionierten Ordnungen liturgische Versuche zu unternehmen.

Die 'Gereformeerde Werkgroep voor Liturgie' konnte sich über die synodalen Ergebnisse freuen, aber ihre Lage wurde schon kurz nach 1966 schwierig. Ihre ursprüng­liche Absicht hatte sie erreicht, und einige Mitglieder verloren das Interesse. Die Gruppe befaßte sich in den folgenden Jahren u.a. mit der Taufliturgie und mit dem Kirchenjahr. Den Schwung der Anfangszeit gab es aber nicht mehr, und vor allem im Studium des Kirchenjahres wurde immer deutlicher, daß Beratung und Zusammenarbeit in ökumenischen Kreisen notwendig war. 

Auf synodalem Niveau waren im Zeitraum zwischen 1966 und 1970 in liturgischer Hinsicht nur wenig neue Entwicklungen zu bemerken. Die Synode bestätigte in ihren Entschlüssen den eingeschlagenen Kurs. Sie begrüßte die Pläne für eine neue Agenda, die bald danach im Jahre 1969 erschien. Obwohl es eine große Auswahl von Texten gab, bot die Agenda nur eine ökumenische Ordnung für die Abend­mahlsfeier. Die übrigen Formulare und Gebete waren (noch) von einem reformierten Charakter geprägt. Im selben Jahre - 1967 - als der neue interkirchliche Psalter endgültig gebilligt wurde, gelang es, mit dem zuständi­gen Ausschuß der 'Hervormde Kerk' über eine neue Lieder­sammlung ins Gespräch zu kommen. In kurzer Zeit entstand ein gemeinsamer Entwurf für ein neues Gesangbuch. Die Synode der 'Gereformeerde Kerken' konnte sich anfangs inhaltlich nicht mit diesem Entwurf einverstanden erklären, aber im Februar 1970 entschloß sie sich unter großem Druck doch, sich an diesem Projekt unter der Bedingung zu beteiligen, daß noch einige bekannte Lieder hinzugefügt würden.

 

Kapitel 11:  Zunehmender Pluralismus (1970 - 1974).


Um 1970 übernahm Professor G.N. Lammens, Mitglied der 'Gereformeerde Werkgroep voor Liturgie', die leitende Rolle, die bisdann die Gruppe als ganze in der 'Gereformeerde Kerken' gespielt hatte. Er setzte sich mit denen auseinander, die meinten der moderne Mensch finde keinen Anschluß bei dem traditionellen, von der Synode festgestellten Gottesdienst. Lammens befürchtete, daß mit dieser Auffassung das Eigene der Liturgie verloren gehe und der Gottesdienst sich in nichts mehr von einer einfachen Versammlung unterscheiden würde. Er machte unter anderem auf die diakonalen Aspekte des Gottesdien­stes aufmerksam und befürwor­tete einen kreativen Umgang mit den alten Formen. Lammens war davon überzeugt, daß die Synode schnell neue liturgische Ordnungen - z.B. für die Taufe und für das öffentliche Glaubensbekenntnis - entwerfen mußte, sonst würden progressive Gemeinden selbst Formen entwickeln und würde seiner Meinung nach im reformierten Gottesdienst totales Chaos herr­schen. In der Synode aber trafen er und seine Anhänger auf konservative, beunruhigte Gruppen die Schwierigkeiten machten, weil sie festgestellt hatten, daß die alten Be­kenntnisschriften im kirchlichen Leben immer weniger funktionierten. Sie wehrten sich gegen weiteren Zerfall. Sie konnten aber in der Synode im Jahre 1974 die Genehmigung einiger Ordnungen mit neuen Tauffragen und beim öffent­lichen Glaubensbekenntnis nicht verhindern. Die Fragen waren in ihrer Formulierung nicht mehr den reformierten Bekenntnisschriften gemäß, sondern allgemein-christlich. Auch schon in den im Frühling 1973 geführten letzten Debatten über das interkirchliche Gesangbuch, 'Liedboek voor de kerken', hatten die Konservativen den Kürzeren ziehen müssen. Die Epoche, in der die Einheit der 'Gereformeerde Kerken' sowohl in ihrer Konfession als in ihrem Gottesdienst sichtbar wurde, war definitiv zu Ende.

 

Kapitel 12:            Erneuerung in ökumenischem Verband (1974 - 1978).

In fast allen Bereichen, in denen die 'Gereformeerde Werkgroep voor Liturgie' tätig war, konnten auch andere ihre Arbeit übernehmen. Eine beträchtli­che Zahl ihrer aktiven Mitglieder waren im Laufe der Jahre in den synodalen Ausschuß für Liturgie ernannt worden. Es wurde in den ökumenischen Beziehungen unklar, was der spezifische Beitrag einer 'Gereformeerde'-n Gruppe sein könnte. Im Jahre 1977 entschloß sich der Vorstand der 'Gereformeerde Werkgroep' nach ausführ­lichen Gesprächen mit den Mitgliedern zur Auflösung dieser Gruppe.

Schon am Ende der sechziger Jahre wurden zwischen Abgeordneten der 'Hervormde Kerk' und der 'Gereformeerde Kerken' Gespräche geführt um bezüglich der Liturgie in den zuständigen Aus­schüssen zusammenzuarbeiten. Nach einem Zeitraum der Annäherung scheiterte das aber. Sachlich und persönlich waren die Beteiligten noch ungenügend aufeinander eingespielt. Im Jahre 1975 versuchte man es aufs neue, wenn auch mit weniger Begeisterung. Acht Jahre später namen die betroffenen Ausschüs­se den Grundsatzent­schluß, in allen Punkten gemeinsame Arbeit zu leisten. In der Zwischenzeit wurden sie übrigens schon beauftragt in guter Zusammenarbeit eine neue Agende zu entwerfen und hatten sie schon einen gemeinsamen Entwurf für den Sonntagmorgengottesdienst (und Gebetsgottes­dienste) präsentiert ("Onze hulp") und auch in anderen Bereichen gemeinsame Standpunkte vertreten. Wo möglich verlegte man die Grenzen noch weiter und wurden im ökumeni­schen Rahmen neue Initiativen ausgearbeitet. Auf diese Weise entstand eine ökumenisch gestaltete Perikopenreihe für Sonn- und Feiertage (De eerste dag), die seit dem Advent 1977 in einer ständig wachsenden Zahl von Gemeinden benutzt wird, auch innerhalb der 'Gereformeerde Kerken in Nederland'. Die Synode verhielt sich immer zurückhaltender. Sie bot zum Beispiel den Gemeinden '"Onze hulp"' und 'De eerste dag' an, sprach aber darüber kein Urteil aus.

 

Kapitel 13:            Ordnung des Gottesdienstes: Rückblick und Ausblick.

Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchungen noch einmal kurz zusammen­gefaßt.


Sodann wird ein Versuch unternommen die Leitfrage zu beantworten, wer den Gottesdienst in den 'Gereformeerde Kerken in Nederland' bestimmte. Es kann die Schlußfolge­rung gezogen werden, daß grundsätz­lich die Gemeinde, bzw. im Namen der Gemeinde der Kirchenvorstand, entscheiden konnte, wie der Gottesdienst eingerichtet werden sollte. Es stellt sich die Frage, ob das in der Praxis auch der Fall war. Bis in die zwanziger Jahre übten die Pfarrer großen Einfluß aus. Seitdem verstärkte sich die Position der Synode. Pfarrer und Kirchen­vorstände hatten keine andere Möglichkeit - und oft auch keinen anderen Wunsch - als die von der Synode für jede liturgische Handlung festgestellte Ordnung zu befolgen. Ab Mitte der fünfziger Jahre vergrößer­te die Synode langsam die Auswahl, so daß es für die Kirchenvorstände wirklich etwas zu entscheiden gab. Aber warscheinlich haben viele Pfarrer diesen Spielraum auch ohne Rücksprache benutzt. Heutzutage hat die Synode an Einfluß eingebüßt, markieren Kirchenvorstände meistens ihre eigenen Grenzen und ist die Freiheit der Pfarrer groß. Im Vergleich mit der Lage der 'Hervormde Kerk' zum Zeitpunkt, als die beiden Vorgän­ger der 'Gereformeerde Kerken' sich von ihr abtrennten, fällt vor allem auf, daß die Gemeinden das Recht bekommen (und teilweise auch genommen) haben, in den Kirchen­vorständen ihren Gottesdienst zu bestim­men.

Zum Schluß werden auf Grund dieser Studie einige Bemerkungen im bezüglich der Weiterentwicklung der Liturgie der 'Gereformeerde Kerken in Nederland' gemacht. Da im Moment über viele Fragen konfessioneller Art der Einklang fehlt, sollte die Synode sich zurückhalten und den Gemeinden nur das höchstnotwendige auferlegen. Die Gemeinden sollten sich ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Gottesdienste bewußt sein.