Über das Wesen und den organischen Charakter der Geschichte


Ein Schreiben an Herrn Hofrath K.F. Eichhorn in Göttingen von Dr. J.R. Thorbecke.      




Sie haben mir erlaubt, Ihnen einigen Gedanken über den organischen Charakter der Geschichte mitzutheilen. Ich unternehme die Mittheilung in diesen Blättern, nicht ohne Scheu aber durchdrungen von der Verehrung, womit ich Ihnen jederzeit, persönlich oder in Gedanken, nahe. Halten Sie dieses und jenes einiger nachsichtigen Prüfung nicht unwerth, so werden damit alle Ansprüche und Wünsche, mit denen ich es Ihnen vorzulegen wagte, in Erfüllung gehen.
          Nachdem sich in der Naturwissenschaft die organische Betrachtungsart als die jenige angekündigt hatte, wodurch die Natur ihrem Wesen gemäß als ein wahrhaft Lebendiges

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begriffen werde, hat man in neuerer Zeit angefangen, die wesentliche Erkenntniss der Geschichte auf den organischen Charakter zurückzuführen. Durch diese Ansicht, nach welcher die Geschichte sich zeigte als ein in einem Ganzen sich erzeugendes und begrenzendes zeitliches Leben, schien es erst in ihrem Bau hell zu werden und ein Licht aufzugehen über die Gesetzmäßigkeit ihrer Gestaltungen, worüber man sich seither nur durch von Außen hinzugebrachte Voraussetzungen habe beruhigen können.
          Denn offenbar waren aus dem Streben nach der Erkenntniss dieser Gesetzmäßigkeit die Vorstellungsarten hervorgegangen, es sei die Geschichte unter individuellen Leitung der Vorsehung die Lehrerin der Tugend, der Politik, der ganzen Weisheit folgender Zeiten, oder sie gehe hinaus auf der Vervollkommnung des Menschengeschlechts, oder sei in ihrer höchsten Instanz das richtende Schicksal des Guten und Bösen.
          Von der andern Seite schienen diejenigen, welche das äußerlich Geschehne als solches für das Wesen der Geschichte nahmen, alles geschichtliche Wirken von dem Einzelnen in seiner verschiednen Bestimmtheit nach Zeit, Ort und Umständen, verursacht seyn und zusammentreffen liessen wie es könne und möge, auf jede Gesetzmäßigkeit der Einsicht Verzicht zu leisten.
          Daß diese hingegegen in der vollendetsten Bedeutung aufleuchte, wenn die Historie ihrem Wesen nach als ein Organismus, als ein ganzes sein Leben organisch in der Zeit bildendes Wesen, gleichsam wie eine andere Natur, gefaßt

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werde, konnte keinem Zweifel weiter unterworfen seyn. Vorausgesetzt also, die Geschichte sei jenes wesentlich, was von ihr ausgesagt wurde, so war die erste Aufgabe, die besondre Natur des der Geschichte wesentlichen Organischen zu erforschen. Daß nehmlich die gemeinsamen wesentlichen Gesetze eines Organismus, wodurch dieser eben Organismus ist, auch dem Leben der Historie zum Grunde liegen, ist in jener Voraussetzung enthalten.
          Allein die Natur ist schon ein besondrer Organismus, und wenn auch dieser das Weltall der Geschichte, als das der Freiheit, nicht in dem gewöhnlichen Sinne entgegengesetzt werden kann, so ist sie doch offenbar ein Andres und Verschiednes, und schon deshalb darf die Erkenntniss ihrer eigenthümlichen organischen Bestimmtheit nicht von der Natur entnommen seyn. Dieses ist noch um ein Bedeutendes gefährlicher, wenn wir gestehn müssen, das organischen Leben der Natur nur höchst unvollkommen zu kennen. Denn nicht genug, daß wir so eine von ihr verschiedne Erkenntniss in die Geschichte hineintrügen, erzeugten wir durch das Unvollständige oder Fehlerhafte jener Erkenntniss in sich, neue Widersprüche. Wie nahe dennoch die Täuschung und Verwechselung liege, ist nicht zu verkennen.
          Denn zuvörderst ist es die Natur, worin uns jener Charakter des Organischen, und zwar seiner zeitlichen Entwickelung nach, am anschaulichsten vor Augen geführt wird, und seither am vollständigsten erforscht ward. Sodann ist die Geschichte, bestimmt als die Ent-

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faltung des Menschengeschlechts in der Zeit, schon durch den Leib des Menschen mit der Natur in durchgängiger Gemeinschaft, und in deren Organismus verflochten. In der Natur scheint ferner jede organische Gestaltung einer folgenden Periode aus dem Vorhergegangenem wie aus ihrer Stamme hervorzuwachsen.
          Daß aber in der Geschichte, welche die Entwickelung in der Zeit mit jener gemein hat, eine gleichartige lebendige Verknüpfung der Vergangenheit mit dem Folgenden statt finde, lehrt schon die oberflächliche Betrachtung ihrer Entfaltung; und die Analogie wozu sich demnach die Befugniss von selbst zu ergeben scheint, ist die am meisten verführerische. Denn wenn wir die Vergangenheit als den lebendigen Keim ansehen dürfen, woraus sich der Inhalt kommender Zeiten organisch bildet, so ist für die historische Gesetzmäßigkeit das Princip einer inneren von Innen heraus gestaltenden Nothwendigkeit aufgefunden, die überall nichts dem Ganzen Zufälliges und von Außen Hinzugebrachtes übrig läßt; womit folglich für die Erkenntniss alle Willkühr aufgehoben und zugleich die wahre Freiheit der Historie gesichert wäre.
          Macht sich ferner diese innere lebendige Nothwendigkeit geltend als das Princip des Begreifens des menschlichen Wollens für sich und seine Freiheit, so wird diese völlig aufgelöst, indem sie, wo nicht als ein Wollen des Ganzen als solchen, doch als in dem Ganzen gebunden und verursacht bestimmt wird; mit um so täuschenderem Schein, je näher man der Idee eines organi-

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schen Naturganzen geblieben zu seyn meint; mit um so größerem Recht, je mehr jene Freiheit als ein regelloses, keines Gesetzes empfängliches Wollen gedacht wird.
          Das Streben, diese Willkür, welche lange für das bewegende Moment der Historie galt, und sich insbesondre in neuerer Zeit als das Princip der Staats- und Rechtsbildung hervorgethan hat, innerhalb eines Höheren, dem ein über das Bewustseyn des Einzelnen erhabenes Wirken zukomme, zu beschränken, wo nicht aufzuheben, beruht auf der wesentlichen Grundlage, das Ganze einer geschichtlichen Entwickelung sei über jedem einzelnen in derselben Begriffenen; woraus geschlossen wird, sie selbst, diese Entwickelung, sei nach allen ihren Theilen in dem Ganzen verursacht.
          Es könne also kein Lebender innerhalb dieses ganzen gedacht werden, dem es noch freistehe, bloß für sich zu seyn, nach eigner willkührlich bestimmter Absicht handelnd einzugreifen, und so den Gang der Geschichte von sich abhängig zu machen. Es hielten nicht einmal Alle zusammen den Faden der geschichtlichen Entfaltung in Händen, noch könnten sie dieselbe durch einen eigens ausgesprochenen Gemeinwillen meistern. Denn das Ganze sei selbst über allen Theilen, die ohnehin schon durch das Bisherige bestimmt seien, zusammen, und lasse sich in diese niemals auflösen. Das Gesetz aber dieses Ganzen habe Jeder in sich, und dasselbe walte fort und fort, und stelle sich geschichtlich dar, wenn auch der Einzelne sich dessen nicht be-

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wußt werde, oder ihm seinen Eigenwillen entgegensetze. Denn dieser Eigenwille selbst, welcher es wähne zu seyn, diene dem Ganzen, und sei dessen selbsthervorgebrachte Bestimmung.
          Jenes Gesetz ist kein allgemeines, sondern jedesmal das individuel-wesentliche Lebensmoment des in der Geschichte auftretenden Ganzen, z.B. einer Nation, welche daher als eine durchaus besondere und eigenthümliche ihre Lebensentwickelung in sich hat, und dieselbe ihrem eignen Gesetz und Wesen gemäß gestaltet. So erscheint der Staat und das Recht eines Volkes als das Dargestellte und die Darstellung einer gesetzmäßigen, wesentlichen, mit sich selbst einigen und in sich begründeten organischen Thätigkeit. Hieraus ergiebt sich die Bedeutung des Bestehenden, und wie an dasselbe jede Zukunft des Volkes, unter andern auch das Rechtsleben, geknüpft sei.
          Das Bestehende weisst zurück auf jenes wesentliche Moment des Ganzen der eigenthümlichen Lebensentfaltung, und als ein organischer Theil desselben bildet es sich selbstthätig mit dem Ganzen harmonisch fort, und trägt in sich den Keim der ferneren wesentlichen Gestaltung. Wird nehmlich das Bestehende als aufgehoben gedacht, so entsteht anstatt des individuellen Lebens, wovon es die Erscheinung ist, die Leere des Allgemeinen oder ein geschichtliches Nichts, es fehlen die organischen Entwickelungsmomente, woran und worin sich die Selbstentwickelung fortleitet, oder diese wird vielmehr selbst geleugnet,

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die im Historischem immer mit bestimmten individuellen Verhältnissen, welche ihr Dargestelltes sind, zugleich und nur in diesen ist.
          Jede historische Bildung hat des Gesetz des Ganzen in sich, und muß also einen stetigen, dem Vorhergegangenen angemessenen, gleichartigen und verwandten Charakter haben; wie sich aus dem Kindeskörper der mehr ausgebildete Leib des Mannes entwickelt, dessen nothwendige Bedingung die Erhaltung und das gleichartige, nicht unterbrochene oder aus der Bahn seiner besondren Natur weichende, sich aus sich selbst forterzeugende Wachsthum von jenem ist.
          In diesem Sinne ist also die historische Erscheinung eben als solche immerfort ein organisches Ganze, welches sein eignes Leben lebt, keinen fremdartigen und erst von Außen aufgedrungenen Stoff nachher zum Ausdruck seines Daseyns umwandelnd, sondern jede Verschiedenheit desselben in seinem Innern findend, und individuel in Übereinstimmung mit sich selbst gestaltend. Es wird folglich keine Einzelne Persönlichkeit, oder welche Besonderheit sonst, als außerhalb des Ganzen stehend und diesem den Inhalt gebend gefunden, sondern jede findet sich im Gegentheil von Anfang an in diesem befaßt, und erhält von demselben den Inhalt seines Lebens.
          Dieser Betrachtung ist in Beziehung auf das Recht die Behauptung angemessen, es gebe für ein Volk keine andere Quelle desselben als das Bestehende und historisch Gebildete. Wie sollte es auch? Denn die Verheißungen eines

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allgemeinen Naturrechts Erfüllung überlassen, ist die Seele des historisch gebildeten Rechts die Eigenthümlichkeit der Nation: diese aber wird nicht anders erkannt, als aus der bisherigen Geschichte; ein höherer Maaßstab des der Nation Wesentlichen oder nicht Wesentlichen ist erträumt.
          Es mag also das Folgende nur für eine Entwickelung der Vergangenheit angesehen werden. Denn wo etwa ein eigner Anfang oder ein aus dem Vorhandenen nicht zu Erklärendes sich hervorthäte, fehlte das Gesetz, es mit dem Bisherigen unter Einem und demselben höheren Ganzen zu vereinigen; weshalb nur übrig bliebe, dasselbe als Abweichung von der erkannten Eigenthümlichkeit hinzustellen. Man könnte zwar fragen, ob die bisherige Geschichte mit der Eigenthümlichkeit der Nation selbst ohne Gefahr verwechselt, ob hier nicht der Entwickelungsgang der rein auffassenden historischen Erkenntnis an die Stelle des organischen Lebens des Geschichtswesens gesetzt werde? ob jene Erkenntniss sich nicht vor der Zeit zum Urtheil erhebe, indem sie, ohne Criterium der Eigenthümlichkeit und ohne die Vollendung des Ganzen abzuwarten, sich die Entscheidung anmaaßt, wiefern eine Zeit ein mehr vollständiger und unmittelbarer Ausdruck dieser Individualität sei als die andre? In Erwartung, ob diese Fragen ihre Erledigung in der Folge finden, sei es vergönnt, das Vorige einstweilen durch die Aufnahme der Behauptung fortzusetzen, der Inhalt des Rechts sei durch die gesammte Vergangenheit des Volkes

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gegeben, und die Fortbildung könne nur geschehn indem man die organisch historische Entstehungsart des Gegebenen sich immer gegenwärtig erhalte.
          Diese sei nun eben dadurch organisch daß sie stets über den Einzeln hinausliege, und in dem Ganzen des bisherigen historischen Lebens enthalten sei, weshalb es die höchste Aufgabe der geschichtlichen Erkenntniss und Thätigkeit ist, den Beitrag des Einzelnen als in jenem Zusammenhang aufgelöst zu erblicken. Denn hierdurch nehme man erst den Sinn und Lebenskeim des Ganzen, worin man begriffen ist, in sich auf, und erhalte die Befugniss, das Urprüngliche und Wesentliche jenes Geschichtswesens für sein Zeitalter aufs Neue hervorzubringen.
          Es sei dieses oder eine lebendig erhaltene organische Rechtsgeschichte zugleich die einzige wissenschaftliche Behandlung des Rechts, so daß diese in Betreff des Volkes, wovon man ein Glied ist, mit der wahren in dem Organismus der Geschichte begründeten Thätigkeit für das fernere historische Leben zusammentrifft. Es ist sonach nicht bloß, sondern soll auch seyn alle Geschichte die weitere Darstellung des schon in der historischen Erscheinung Enthaltenen, alles Folgende eine bloße Fortsetzung der Vergangenheit. Obgleich kaum Fortsetzung zu nennen ist, welches man eher versucht wäre eine Wiederholung des Vergangenen in einem anderen Zustande zu nennen, ohne daß man belehrt wird, wie überhaupt dieser Zustand als ein andrer sich historisch zu bilden vermochte. Sofern man sich nehmlich

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begnügen wollte, die Verschiedenheit in einem bestimmten Falle geschichtlich aufzuzeigen, oder bloß nachzuweisen, daß es so sei, würde man seinem eignem Princip nicht genug thun. Denn wie bei ersten anfänglichen Zuständen, vermöge des organischen Charakters, die Geschichte des Volkes als das organische Leben und die Darstellung seiner Eigenthümlichkeit erkannt wurde, so müßte man bei den folgenden und späteren nicht genöthigt seyn von dem Leben der Eigenthümlichkeit in einem Zustande zu reden, sondern die Mannigfaltigkeit dieser Zustände und Lebensalter selbst wiederum als das Leben jener Individualität organisch gesetzmäßig begreifen.
          Wollte man aber diese Verschiedenheit des historischen Lebens aus äußeren hinzugekommenen Einflüßen und Vermischungen erklären, so würde man für eine spätere Periode gänzlich auf das Princip der inneren nothwendigen Gestaltung und Lebendigkeit Verzicht leisten, welche die Seele der früheren war; geschweige, daß auch ein solcher äußerer Einfluß sich organisch zu dem Ganzen verhalten müßte, und ohne Wechselwirkung nicht gedacht werden kann. Es leuchtet ferner als einer der ersten Ansprüche der organischen Betrachtungsweise ein, daß man von ihr geleitet nicht mehr die Behauptung stillschweigend oder ausdrücklich aufstellen darf, gewisse frühere Zeiten lebten und entwickelten sich aus und durch sich selbst, folgende aber lebten nur von den früheren. Denn nach dieser ist es unmöglich, sich nur vorzustellen, sowohl

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daß eine Ursache bloß Ursache sei, ohne zugleich etwas für sich zu seyn, als daß eine Zeit nur das Erzeugnis einer andern, nichts weiter für sich außer dem zeitlich Erzeugten sei, vollends, daß eine solche, in der kein eignes von sich anfangendes Wesen wohne, noch eine dritte hervorzubringen vermöge. Obgleich dieses Alles schon mit der gewöhnlichsten Auffassung des Causalverhältnisses in Widerspruch wäre.
          Daß hiemit übrigens keineswegs ausgesprochen werde, ein Zeitlater zeichne sich nicht vor dem andern an innerer Bildungskraft aus, braucht nicht bemerkt zu werden, eher vielleicht, daß jener Vorzug auf keinen Fall den früheren als solchen zukommt, sondern bisweilen aus andern Gründen, ohne welche auch die Jugend schwach und kränklich seyn kann.
          Man hat gesagt, ein Geschichtswesen sey ein werdendes Ganze; und so ist es ohne Zweifel; aber wie und nach welchem Gesetz der Entfaltung, ist die Frage, deren Beantwortung wohl manchen Schatten verjagen müste, der noch über diesem Felde der Untersuchung liegt, und den der Forscher so lange mit seinem eignem vermehrt, als er, während es noch nicht über ihm hell geworden, nur bei eignem mitgebrachten Lichte sieht. Es wird der obigen Darstellung wohl nicht zum Vorwurf gemacht werden können, daß in derselben bisherigen Ansichten Unrecht geschehen sei, aber sie verräth durch sich selbst, daß die in ihr enthaltene Betrachtung des Wesens der Geschichte ohne Haltung und organische

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Durchbildung ihr eignes Gesetz nicht aufzuweisen vermag. Sie erwähnt des organischen Charakters, aber in der größten Unbestimmtheit, und hat sich dennoch in einer, wie es scheint, voreiligen Bestimmtheit verfangen, die der inneren Widersprüche wegen keine Fortgestaltung zu Stande kommen läßt. Von einigen Bestimmungen, die in der Geschichte statt haben sollen, und sich organische nennen, ist die Rede gewesen, desjenigen, wodurch die Geschichte eben Geschichte ist, ist nicht gedacht. Es werde im Folgenden versucht, einige wesentliche Momente hervorzuheben.

          Wenn behauptet wird, ein Geschichtswesen, z.B. ein Volk, welches unter einem bestimmten historischen Charakter seine Entwickelung in der Zeit lebt, sei ein werdendes Ganze, so mag dieser Ausspruch nun so verstanden werden, es werde zu einem Ganzen, oder, es werde als Ganzes, auf jedem Fall wird man sich das Werden als ein organisches, ein folgendes Zeitalter also zu dem vorigen in einem organischen Verhältniss denken. Das folgende soll sodann doch wohl nicht Ein und dasselbe Daseyn mit dem vorigen, sondern ein wesentlich von demselben verschiednes, aber in und zu dem Ganzen mit dem früheren verbundenes haben, so daß in dem Sinne dieser Ansicht die verschiednen Zeitalter oder Lebensstufen als untergeordnete Theile oder Glieder des Ganzen, welches über die besondre Eigenthümlichkeit einer Periode jedesmal hinausliegt, zu setzen wären. Daß die folgende Lebensepoche in lebendiger Gemeinschaft stehe

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mit der vergangenen oder vergehenden, daß jener ein Gewebe mannigfaltigen schon bestimmten Lebens von dieser überliefert werde, ist ohne Zweifel. Die Frage ist, vermöge welchen Grundes gestaltet sich in dem Einen Ganzen, welches über beiden ist, die folgende Zeit auf eine wesentlich von der früheren verschiedne Weise? Die Antwort ist bereits in der obigen Anerkennung gegeben, daß jedes Zeitalter ein Glied des ganzen sich geschichtlich entwickelnden Wesens sei, welches doch wohl heißt, daß es ein eignes bestimmtes dem Ganzen Wesentliches zu gestalten habe. Wäre das Ganze in dem Vergangenen oder Bestehenden enthalten, so müsste man sagen, das Folgende lebe ein dem Vergangenen oder Bestehenden Wesentliches und sei selbst in diesem enthalten. Dieses aber wird Niemand im Ernst behaupten wollen, der jene geschichtlich-organische Ansicht begriffen, und ihr zugethan ist. Denn ein Glied des Ganzen ist ein untergeordneter Theil desselben, obgleich demselben deshalb nicht minder wesentlich, mit nichten bloß da, um die Folgezeit vorzubereiten oder dem Ganzen genug zu thun, für den Organismus des Ganzen aber nothwendige Bedingung um Folgendes zu entfalten. Wenn ferner das ganze Ganze in der Vergangenheit enthalten wäre, so hätte es damit seinen Lebenskreis geschlossen, und könnte ein darüber Hinausliegendes nicht weiter beleben und bilden. Das Ganze als solches umspannt folglich alle Lebensepochen und jegliche individuelle Entwickelung in seinem Inneren, deren jede

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auf eigne Weise an dem Wesen des Ganzen Theil hat, so das z.B. eine Nation auf einer bestimmten Stufe der Entfaltung, in einem bestimmten im Ganzen begrenzten, immerfort zu einem andern und folgenden übergehenden, besondren Zustand, sich wiederum als Ganzes darstellt. Dieser Zustand wird zu einem eigenthümlichen Ganzen nach dem Maaße seiner Lebenskraft, sich anschliessend an und in lebendigem Verkehr mit dem Früheren. Lebendig ist der Verkehr offenbar nur dadurch, daß das Spätere nicht bloß bestimmt werde von dem Vergangenen, sondern daß auch in jenem ein eignes Vermögen der Bestimmung sei, wonach es von dem Vorigen geschieden, aber mit demselben in Wechselwirkung sich im Ganzen zu demjenigen gestalte, wozu es wird. Ob jetzo Dieses, wozu der in Wechselbestimmung begriffene Theil wird, im Ganzen und durch dasselbe durchgängig bestimmt, ob dieses die sogenannte innere Nothwendigkeit sei, ist die Frage, welche sich uns ferner in den Weg wirft, um so unausweichlicher, als das Anschliessen der sich später entwickelnden Eigenthümlichkeit an das frühere Bestehen nur der Vereinigung beider in ihrem höheren Ganzen zugeschrieben werden mag, und wir auf jedem Punct der Zeitreihe, welche das Ganze umfaßt, ein eignes untergeordnetes Ganze wiederkehren sehn, dem folglich die Rechte eines Ganzen überhaupt zukommen.
          Der Aufschluß, den die organische Betrachtungsweise ertheilt, verbreitet aufs Neue ein höchst erfreuliches Licht

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über das Walten der Geschichte. Wäre durch das Ganze alles werdende Leben in ihm vorher bestimmt, so bliebe kein Daseyn der Glieder als solcher und individueller übrig. Es wäre überall kein Daseyn als des Ganzen. Alles Bestehen der Theile würde aufgehoben, und um sie zu retten eine eitle Zuflucht seyn, vorzuwenden, die Theile seien das Ganze in individueller Begrenzung, oder dasselbe von einem besondern Standpunct angesehn, oder dessen Wiederholung im Besondren, und in denselben entfalte sich nur das Ganze. Im Gegentheil erkennt die organische Betrachtungsweise, daß überhaupt Nichts einer Bestimmung von Außen oder von einem Anderen empfänglich ist, welches nicht seinerseits wieder bestimme, und schon in der Natur, daß dasjenige, welches im Leben des Korpers das Ganze ist, verschieden bestimmt wird durch das verschiedne in ihm begrenzte Leben der Theile, wie es selbst hinwiederum diese bestimmt, daß das Ganze also als dieses mit dem Folgenden auf verschiedne Weise lebt je nach den verschiednen Bestimmungen, welche es im lebendigen Verkehr mit dem Früheren erfahren.

          Wenn wir das Gesagte in einem Überblick zusammenfassen, so erscheint ein werdendes organisches Wesen, entstehend, wachsend und alternd, im Ganzen wie in den einzelnen Theilen. Das Ganze, welches die gesammte Dauer der Lebenszeit eines bestimmten Geschichtswesens, etwa einer Nation, umfaßt, ist mit jedem Lebensalter in Wechselbestimmung. Im Lebens-

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alter ist jenes keineswegs als fertig schon da, so daß es etwa als ein Bleibendes über demselben schwebte, sondern es wird in gegenseitiger lebendiger Beziehung mit allen Perioden seines Lebenskreises erst zu diesem so bestimmten Organismus, nicht bloß im Einzelnen, sondern als Ganzes. Jedes Lebensalter wiederum steht als Ganzes in gleicher lebendiger Entgegensetzung und Gemeinschaft zuerst mit der Vergangenheit, woran sich seine Gestaltung schließt, und sogar mit der Zukunft, deren verschiedne Lebenseigenthümlichkeit sich schon in dieser Gegenwart zu der ihrigen und zu Verwandlung jener in Vergangenheit theils selber zubereitet, theils vorbereitet wird; sodann mit den in ihm enthaltenen Einzelnen oder Gesammtheiten zugleich bestehender Einzelnen und mit den sich ablösenden Geschlechtern, die unter einander in gleichartiger Wechselbeziehung wie mit dem Ganzen ihres Lebensalters jedes für sich wieder einen geschichtlichen Organismus mit theil- und stufenweiser Entfaltung in der Aufeinanderfolge darstellen, jedes als Glied dieser bestimmten Lebenespoche des höhern Ganzen der Nation wesentlich, aber in der Erscheinung nur einen begrenzten Zeittheil der jedesmaligen Periode ausfüllend, um vorübereilend einem neuen Geschlechte Platz zu machen.
          Blickt man von hier auf den einzelnen Menschen, der wiederum ein Ganzes für sich ist, so erscheint dieser als sich von Anfang an findend nicht bloß in dem Ganzen des Volkes, sondern auch in einem besondren Zeitalter und

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Zustand desselben. Sein Leben innerhalb des Zeitalters begrenzt, reicht ebensowohl in das Vergangene hinein, als es dem Folgenden sich entgegenbildet. Er hat ebenso ein schon bestimmtes und sich unaufhaltsam weiter bestimmendes Wirken in sich aufzunehmen, als sein eignes Leben zu leben, und während er jenes selbstthätig fortgestaltend der Nachkommenschaft anheim giebt, von sich anfangend Neues in Wechselwirkung mit dem Ganzen seines Zeitalters und allem darin Enthaltenen hervorzubringen. Denn der einzelne Mensch ist nicht da, damit in und durch ihn das Zeitalter seiner Nation werde, sich fortsetze und auf einem besondren Puncte zur Erscheinung gelange, sondern der Vorzeit angehorend und der Zukunft, von beiden, welche in jedem Zeittheil in einander übergehen, ein Spiegel, ist er ein wesentliches Glied und Element der Geschichtsentfaltung, zuerst innerhalb des Ganzen geboren, und sodann die Geburt und Quelle neuer Lebensbestimmungen für das Ganze in sich tragend. Diese bestimmende und erzeugende Thätigkeit, wenn auch nicht außerhalb des Einzelnen verursacht, steht dennoch in ihrem Aufleuchten nicht minder als in ihrem Fortgange, mit allem Einzelnen neben, um und unter ihm und mit dem Ganzen in steter Beziehung und Wechselwirkung, überall nicht allein stehend oder wirkend, weshalb es in der Geschichte kein reines Erzeugniss des Einzelnen giebt. Denn Jegliches von ihm ausgehende wird erst wahrhaft und gestaltet sich historisch, d. h. als Lebensbe-

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stimmung des Ganzen, in dem Zusammenhang von beweglichen, gegenseitig in einander eingreifenden, überall sich begegnenden und durchkreuzenden Beziehungen. Hieraus leuchtet zuvörderst ein, wie sich der Einzelne oder auch Mehrere täuschen, wenn sie sich für das Ganze halten, und dieses oder ihre Zeit zu beherrschen wähnen; sodann, daß dieser Wahn selbst, wo er auftritt, nicht ohne Einfluß auf das Ganze bleibt. Ja wenn es allen Zeitgenossen einer bestimmten Periode einfiele, alle Gemeinschaft mit dem Zustand, worin sie geboren wurden, abzubrechen, und sich als die Schöpfer einer neuen, auf sich selbst oder vielmehr auf den Trümmern des Zerstörten beruhenden Ordnung der Dinge zu betrachten, so würde man zwar seine Zeit in gewaltsame Spannungen und Zuckungen versetzen, und dennoch das Gesetz nicht umkehren, wonach dieses Alles innerhalb eines Höheren geschah, obgleich dieses Höhere mit nichten die sogenannte Causalität der Vergangenheit als solcher ist. Nicht weniger der wesentlichen und gesunden Gestaltung der Geschichte zuwider ist die Meinung, sie sei Einzelner oder werde im Volke gehegt: Herkömmliches und in der Vergangenheit oder sonstigem zeitlichen Zusammenhang Begründetes sei als solches, well es nehmlich als Gestalt des Lebens dagewesen, der Gegenwart und folgenden Zeiten wesentlich, und von diesen als inneres Gesetz des Bestehens aufzunehmen. Das Festhalten dieser Meinung kann im Leben einer ganzen Nation auf gleiche Weise ein geschichtliches Element

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werden, als jenes Leugnen aller Geschichte, aber was sie aussagt, ist wie dieses mit der Wahrheit jeder Geschichtsentwickelung in Widerspruch, sofern jedes Zeitalter wesentlich mit einer von jeder vorigen verschiednen, obwohl sich organisch an diese anschliessenden Thätigkeit der Gestaltung in das Daseyn tritt. Ergreift aber dieses Vorurtheil wie ein vererbtes Übel die edleren Theile, oder erstreckt sich über die Mehrheit derselben, so ist allerdings der Organismus seinem zeitlichen Leben nach einer Verkrüppelung und dem Stocken der organischen Kraft eben so nahe, als in jenem Fall einer krampfhaften Auflösung und plötzlichen Lähmung.
          Wiefern nun Jeder, ohne in seiner individuellen Entwickelung gestört zu werden, und ohne schon selbstständig das Wesen des Ganzen für seinen Theil in sich ausgebildet zu haben, im Dienste seines Zeitalters steht, wovon er ein Glied ist, und dasselbe oder Vieles in ihm entweder unbewußt oder selbst gegen seinen Willen und ausdrückliche Absicht fördern hilft, liegt im Allgemeinen am Tage, obgleich die Bestimmung im einzelnen gegebnen Fall eine der schwersten Aufgaben der Geschichtsforschung ist. Daß diese sich indeß über das Gesetz selbst nicht täuschen lasse, wie auch der Schein uns Menschen äffen möge, soll sie eben von der Erkenntniss des Wesens aller Geschichte lernen. Die Bestätigung aber des oben Gesagten liegt schon in der Nothwendigkeit, welche leicht einleuchtet, daß aus und in der Wechselwirkung des Einzelnen mit Anderem

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von ihm verschiednen, es sei Höheres oder Nebengeordnetes und selbst Einzelnes, Anderes werden muß, als was der Einzelne will oder in seiner thätigkeit enthalten ist. So wird das Ganze, ein wesentlich verschiednes Daseyn von dem der Theile lebend, ob zwar ein vollständiges erst im wesentlichen Verkehr mit allen seinen Theilen, wenn gleich der Einzelne, seiner Bestimmung nicht achtend, sein Leben seinem besondern Triebe nach zu gestalten strebt, dennoch, obwohl mit Mängeln und Fehlern an seinen Theilen behaftet, und selbst als Ganzes an dem eingedrungenen Verderbniss leidend, nach dem Maaß seiner organischen Kraft fortschreiten. Ja das Verkehrte, Leidenschaft, Eigennutz, u.s.w. wird im Zusammenwirken im Ganzen untergeordnetes Moment und Bestimmung der Entfaltung desjenigen, welches über dem Einzelnen ist.
          Demohngeachtet darf nicht behauptet werden, das Ganze walte über seinen Theilen wie ein unabänderliches Schicksal, welches, gleichgültig gegen die Thätigkeit jener, sich selbst erfülle, verkannt, aber nicht aufgehoben, werden könne. Man meint nehmlich gegen die Erkenntniss ohne Gefahr freigebig seyn zu mögen, wenn man nur die sogenannte Freiheit des individuellen Willens und der Handlung in dem Ganze binde. Allein auch das Erkennen ist im Ganzen, wechselweise bestimmt und bestimmend, und sofern irgend ein organisches Wesen frei ist als wollendes und handelndes, ist es nicht minder frei als erkennendes; so daß es als dieses mit gleichem Recht

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zu beschränken wäre. Ohnehin wird doch wohl die innere Bestimmung des Lebens nicht minder als wesentlicher Bestandtheil des historischen Organismus angesehn werden dürfen und müßen, als das äußerliche Geschehen und leiblich Hervortretende. In Bezug auf dieses ist die innere Bestimmung vielfach als das Ursachliche betrachtet worden. Wollte sich demohngeachtet die Bewegung und der Wechsel des Geschehens nicht vollständig auf das Innere der handelnden Individuen zurück führen lassen, so ließ man über diesen Hintergrund, wo eine Lücke blieb, noch das Licht einer höheren individuellen Vorsehung hineinfallen. Eine solche individuelle Leitung der Vorsehung müßte offenbar der Natur des Geschichtswesens gemäß seyn, setzt also die Erkenntniss desselben bereits voraus. Anstatt endlich daß sich die innere Lebensbestimmung der Einzelnen mit Fug anmaaßen könnte ein Höheres zu seyn, als dasjenige, welches man gemeinhin Geschichte zu nennen pflegt, wäre nach dem Vorherigen eher umgekehrt zu behaupten, daß die Ordnung von dieser das Höhere sei, welches jenes als untergeordnetes Moment in sich enthalte. Zuletzt sei in dieser Hinsicht noch bemerkt, wie vermöge der obigen Wahrheit, daß auch die individuelle erkennende Thätigkeit ein organisches Glied im Ganzen ist, sich unter andern die Bildung der Wissenschaften als ein Theilganzes des Volkslebens erweise.
          Aus dem Vorigen mag die Folgerung gezogen werden, weshalb sich die wahre Auf-

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fassung der Geschichte stets jeder allgemeinen Bestimmung und Erklärung entzieht; weil es für die historische Erkenntnis eben so viele Anfänge neuer Erkenntnis, als im organischen Ganzen der Historie Anfangspuncte eignen Lebens giebt. Man darf nur beobachten, wie viele deren schon zusammenkommen, um eine einzige Begebenheit zu Stande zu bringen, und immerfort wieder von vorn anfangen, man darf nur erwägen, daß die Historie überschaut, welche Gestalten, was im menschlichen Wesen Nahmen hat und noch keine trägt, im zeitlichen Leben, in Wechselwirkung mit einer höheren Ordnung der Dinge hervorruft, um den Bau dieses Weltalls wunderbarer zu finden als die unausbleibliche Dürftigkeit der menschlichen Forschung und ihre tausendfache Beschränkung auf Ahnung und Vermuthung.
          Nach dem Angedeuteten bedarf ferner die Bemerkung wohl keiner näheren Rechtfertigung, wie Erklärungsversuche, welche den eigentlichen oder ganzen Gehalt der Bildung einer Nation von einer fremden ableiten, durch sich selbst dahinfallen: womit keineswegs geleugnet wird, daß es schwächliche, gesunkene, schlaffe Nationen und Zeiten giebt, deren organisches Leben und Individualität einem Andrange des Fremden unterliegt, aber behauptet, daß auch ein höchst zerrüttetes organisches Leben nur als ein organisches verstanden werden könne. Von der andern Seite ist ersichtlich, wie wesenwidrig gleichermaaßen das Streben sei, ein Volk, ganz in sich beschlossen und für sich abgesondert, aus dem

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organischen Zusammenhang des übrigen geschichtlichen Lebens herausheben zu wollen. Um so eiteler ein solches Streben einerseits in sich ist, um so verderblicher muß es dennoch auf die Entwickelung der Nation, worin es wäre, zurückwirken.

          Ich hatte mir vorgesetzt, diese und andre organische Momente in der Geschichte Grossbritanniens während der zweiten grösseren Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aufzuzeigen; allein da ich ohnehin schon im Begriff bin, die Grenzen einer brieflichen Mittheilung zu überschreiten, so mag jenes dahingestellt oder einer andern Gelegenheit vorbehalten seyn.

          Eine andre von der früherhin erwähnten vielfach verschiedne Ansicht, welche sich eine geschicht-wissenschaftliche nennt, erkennt die Menschheit als ein organisches Ganzes, als Ganzes eher und höher denn alle inneren Theile, die sich in jenem zuerst in ihrer jedesmaligen Eigenthümlichkeit selbstständig, sodann in Wechselwirkung, Harmonie und Lebensvereinigung mit dem Ganzen und unter sich zu vollenden haben. Was die Menschheit des Weltalls an sich selbst ewig, das sei die Menschheit dieser Erde berufen in eigenthümlich schönem endlichem Bilde in ihrem ganzen Leben darzustellen; denn im zeitlichen Leben sei die Gestaltung des ewig Wesentlichen zu erkennen. Anstatt die Geschichte im Sinne einer neueren philosophischen Schule im Gegensatz mit der Natur zu fassen, setzt diese Ansicht das Leben des einzelnen Menschen wie

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der Menschheit als ein aus geistigem und leiblichem Leben verbundenes, durch den Leib in organischer Gemeinschaft mit der Natur, durch den Geist in organischer Gemeinschaft mit der Geisterwelt. Die menschlichen Individuen, worin die Menschheit lebt, seien auf der Erde jetzt noch nicht in einem Ganzen vereinigt, allein ihr wesentlicher Beruf bestehe darin, sich in Eine Menschheit organisch zu verbinden. Der Einen Menschheit untergeordnet seien als selbstständige Ganze die Völkervereine auf jedem der drei Haupterdtheile, diesen die einzelnen Völker, wiederum selbstständige Ganze, bestimmt, alles Menschliche auf eigenthümliche Weise darzustellen. Im einzelnen Volk seien auf gleiche Weise organisirt Stammvereine, Stämme, Familien. Das Leben des einzelnen Menschen endlich sei ein Gleichniss des ganzen Menschheitlebens, welches sich nur selbstthätig, als sein eignes Werk, in Harmonie mit Gott, Vernunft und Natur vollenden könne. Daher habe dieselbe sich in Wissenschaft und Kunst und der Gestaltung des ganzen Lebens nach den Ideen der Tugend, des Rechts, der Gottinnigkeit und der Schönheit, welche sich als die ewigen urwesentlichen Formen alles Seyns erweisen, zu bilden. Es geschehe dasselbe stufenweise, wie die Menschheit jetzt im reifenden Kindesalter, und die Gründung des ersten europäischen Staatenbundes nach der Idee eines Organismus, das vorwaltende Werk unsrer Zeit (1811) sei. Zu dieser Behauptung liege die Befugniss in der Erkenntniss, der Mensch könne das ewig We-

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sentliche der Menschheit und das Urbild ihres ganzen Lebens rein und allgemein vor und über aller individuellen Geschichte schauen, wie er ferner vermöge, den Theil des Menschheitlebens auf Erden, der ihn umgiebt, rein geschichtlich zu überblicken. Diese rein geschichtliche Erkenntniss mit der allgemein wesentlichen ewigen oder idealen Erkenntniss vergleichend, bilde er aus beiden eine dritte harmonische Erkenntniss, worin ihm offenbar werde, in welchem Alter die ganze Menschheit auf Erden stehe, welches ihr individuelles Ideal sei, was sie, und was jeder Erdtheil, jedes Volk, jeder Stamm, jetzt thun und erfahren werde und solle, auf daß die Menschheit in eigenthümlicher Lebensfülle, Würde und Schönheit auf dieser ganzen Erde vollendet werde.
          Von diesem Standorte der philosophisch erkannten Menschheit und des sich als ein Organismus ausbildenden Menschheitlebens sei alles Einzelne organisch zu betrachten, und könne jeder Verein, wie mannigfaltig, vielseitig und verwickelt er auch seyn und erscheinen möge in seiner Wesenheit, Zwecksetzung, Gesetzgebung und Wirksamkeit, dennoch leicht begriffen und gewurdigt werden. In der wesentlichen Nothwendigkeit, daß der einzelne Mensch, daß Familien, Stämme und Völker sich zuerst frei, eigenthümlich und selbstständig bilden, und erst dann durch freien Kraftgebrauch sich gesellig vereinen, zusammengedacht mit dem Gesetze, daß der Einzelne nur in der Gesellschaft, daß Familien nur innerhalb des Stammes u.s.w. auch als

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Einzelne vollendet werden können, liege der erste Grund alles Menschenwidrigen, Bösen, Mangelhaften, Zerstörenden, was die Menschengeschichte bis jetzt darstellt. Solche Störungen, Mißbildungen und Rückfãlle zum Schlechtern. So wie ihre Heilung, welche einzelnen Völkern und menschlichen Dingen begegnen müssen, damit das Ganze immer schöner erblühe, vermöge der begeisterte Forscher im Lichte der oben erwähnten harmonischen Erkenntniss im Allgemeinen vorauszusehn. Es sei dazu mit nichten eine dem Menschen unerreichbare Einzelkenntniss der Geschichte nothwendig. Denn so wie zur Kenntniss eines menschlichen Gesichts bloß Auffassen des ganzen Umrisses und der ihm eigenthümlichen Züge, in bestimmter Entfernung gesehn, erfordert werde, so liegen auch die Resultate der Vergangenheit dem Wesentlichen nach in den Grundzugen der Gegenwart, und die jetzt in sich gerundete Erkenntniss der ganzen Erde und aller ihrer Bewohner und ihres Culturzustandes im allgemeinen, lasse uns das ganze Antlitz dieser Menschheit in seinen wesentlichen und eigenthümlichen Zügen deutlich genug erkennen. Die verschiednen Gegensätze in dem Leben der Menschheit seien bestimmt, die Entfaltung aller Schätze und Kräfte in der Menschennatur erst möglich zu machen. So finden wir die Verschiedenheit der Lebensalter, von denen jedes seine eigne Belebung und Schönheit habe, jedes die ganze Vernunft und die ganze Menschennatur auf gleich achtbare, ureigne Weise ausdrücke;

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den Gegensatz des Mannes und Weibes; den unerschöpflichen Reichthum menschlicher Charaktere und Temperamente als die eigenthümliche Weise, leiblich und geistig, innerlich und äusserlich zu leben; die Verschiedenheit der Stände; den Gegensatz endlich der Nationen, welcher als der Menschheit wesentlich erfolge aus dem geistigen und leiblichen Wesentlichen des Menschen, vorzüglich aus der physikalischen und klimatischen Beschaffenheit der Erde, aus der Naturentstehung des Menschengeschlechts, und aus den Gesetzen seiner allmäligen Ausbreitung über das ganze Erdland. Der Einzelne, als der höheren moralischen Person seiner Nation untergeordnet, habe sich zu bestreben, im Geiste des Ganzen, im Geiste seines Weltalters, seines Volkes, seines Standes und Charakters zu denken, zu wollen und zu handeln; ohne daß dieses mit seiner Freiheit im Widerspruch stehe, wonach er nach Ideen zu wirken und in jedem Momente eine neue Reihe des Guten anzufangen vermöge unabhängig von allen vorigen Zuständen.

          Diese Ansicht, welche hier ihrem eignen Ausdruck nach aufgenommen ist, strebt offenbar die Geschichte im Licht der gottlichen Weltordnung zu erblicken. Sie hat, abgesehn von ihrer etwaigen Gültigkeit in sich und auf ihrem eignen Gebiet, Anspruch von der Geschichtserkenntniss beachtet zu werden, sofern diese eine organische seyn will, das Gesetz aber des Organismus, dasselbe werde in der flüchtigen zeitlichen Erscheinung vollkommner oder

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unvollkommner dargestellt, schon auf ein Überzeitliches hinweißt. Denn das es im Werden besteht und diesem zu Grunde liegt, zeigt, daß das Werden selbst unter diesem Gesetz ist, das Gesetz aber vor und über jedem Werden. Ohnedies scheint sie die Begründung von einer die Historie fast noch näher angehenden Bestimmung zu versprechen. Wir finden nehmlich bei jedem Volke schon in der Anlage und den Anfängen ein individuelles historisches Leben, also eine individuelle Verfassung, einen besondren Rechtszustand, eigne Sprache, u.s.w. eben so gewiss, als wir nie einen Menschen überhaupt sehn geboren werden. Dieses scheint auf der Wahrheit zu beruhen, daß ein Ganzes nicht erst zum Individuum wird, sondern sein individuelles Wesen bereits zu dem Werden in der zeitlichen Erscheinung hinzubringt, also vor allem zeitlichen Zusammenhang als Wesentliches außer und über jeder Lebensentfaltung in der Zeit ist, und in diese mit der Aufgabe einschreitet, ein in einer höheren Ordnung verursachtes und gesetztes Seyn in einem organisch wachsenden Lebensverein für und mit diesem zu gestalten. Dieses Wesentliche dürfte dann nicht verwechselt werden mit demjenigen, was man der zeitlichen Lebenseigenthümlichkeit des Individuums, als einen Theil derselben, wesentlich zu nennen pflegt, worunter gemeinhin dasjenige verstanden wird, welches derselben, geschieden von jeder anderen, eigen ist, es sei dieses übrigens Gutes oder Mangelhaftes und Wesenwidriges oder aus beidem Gemisch-

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tes. Die historische Forschung und Auffassung geht jeder Bestandtheil des in der Zeit bestimmten Lebens auf gleiche Weise an, und sie darf auf denselben keine Rücksicht nehmen, sofern in ihm Wesengemäßes oder Böses, Schönes oder Häßliches, sondern sofern er in dem Organismus und zeitlichem Leben des Ganzen ist, in welchem auch jede Verbildung als ein eigenthümliches und wirksames historisches Moment auftritt. Dieses ist so wahr, daß wer etwa unternehmen wollte, aus der Lebensgeschichte eines Volkes alles rein Gute abzusondern und als die wesentliche Eigenthümlichkeit dieser Nation hinzustellen, sich einer durchaus widersinnigen und bedeutungslosen Abstraction überlassen würde, womit er weder auf dem Felde der Geschichte noch auf irgend einem andern Gebiete zurecht käme. Nicht minder von dem obigen geschieden müßte ferner dasjenige seyn, welches man wohl wesentlich nennt mit Beziehung auf Etwas, z. B. auf das Bestehende; wie auch das Recht bisweilen einer gleichen relativen Bestimmung unterliegt, und indem es nach einem Anderen, z. B. nach einem bereits Ausgesprochenen oder Gebildeten, beurtheilt wird, die Untersuchung übrig lässt, ob dieses Andere recht sei. Es ist jetzt in Frage zu stellen, ob die Durchbildung jener Ansicht dahin gelangt sei, zu leisten, was ihr obliegt, und der geschichtlichen Erkenntnis vorzuleuchten.

          Es ist unzählige Mahl gesagt worden, die Nation sei ein höheres Individuum als der einzelne Mensch, und nicht minder allgemein

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anerkannt, daß sie in ihren Individuen lebt. In dem Einzelnen ist folglich außer demjenigen, wonach er als Einzelner dasteht, dasjenige, wonach er ein Glied ist des Ganzen seiner Nation. Dieses letztre in ihm ist ein Höheres, jenes ein diesem Untergeordnetes. Nun ist es, obgleich mannigfach entweder ausdrücklich vorgebracht oder stillschweigend zu Grunde gelegt, eine durchaus irrige Meinung, dasjenige, wonach Jeder Glied ist eines Ganzen, sei ein Allgemeines oder Allgemeineres im Gegensatz des Besondren, wonach Jeder für sich ist. Im Gegentheil läßt es sich zeigen, daß Jenes ein weit reicheres, lebensvoller und höher individualisirtes Daseyn in sich schließt. Hier sei es genug, nur darauf aufmerksam zu machen, daß Jeder von dem Organismus des Ganzen nicht etwa ein Glied überhaupt, sondern wesentlich ein eignes bestimmtes von allen übrigen verschiednes ist. Die Geschichte fängt offenbar damit an, wie das Individuum dasjenige, welches es ist, in der Zeit herstellt und gestaltet, denn so wird das Ganze als solches, und werden die Glieder im Ganzen. Im Allgemeinen sei hier zuvörderst erinnert, daß jede Lebensbestimmung oder Bildung, zur Thatsache in der Zeit geworden, schon im Leben des Einzelnen ein organisches Moment ist, welches, sogleich wie es geworden, den Urheber und seine folgende Entwickelung, die sich an jene Thatsache in lebendiger Gemeinschaft schließt, auf gleiche Weise bestimmt, als sie selbst von dem Individuum bestimmt ward, und in der fortschreitenden

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Thätigkeit desselben immerfort neue Bestimmungen erfährt. Zum Beweise, daß welches individuum die Vergangenheit seines Lebens ignoriren, oder mit einem von ihm selbst, im inneren oder äußeren Leben, zu bestimmter Thatsache in der Zeit Erzeugten, als einem Leblosen, Gleichgültigen und rein Bestimmbaren schalten zu können meinen würde, seine eigne Tauschung zu beklagen hätte.
          Eine Nation organisirt sich sonach als Ganzes, sofern die Individuen dieser Nation, als die gemeinsame nationale Eigenthümlichkeit in sich tragend dieselbe im Leben gestalten. Solche Gestaltung muß zu bestimmter Zeit geschehn, wenn die Nation als eigenthümliches Ganzes der Historie angehören soll. Dieses Hervortreten des Ganzen als Thatsache, womit die Geschichte gleichsam den Gedanken des Ganzen zu denken anfängt, ist keineswegs zu verwechseln mit dem Eintreten desselben in das Bewußtseyn der Einzelnen als solcher. Die Historie denkt nur in bestimmter Gestalt zu bestimmter Zeit, und die des Ganzen kann, von Innen oder von Außen angeregt, in gemeinsamer Abstammung, Sprache, Sitte, Wohnung, Bedürfniss, Vertheidigung, auf unendlich mannigfache Weise gebildet werden und in der Zeitreihe ein eignes Bestehn gewinnen, ohne daß das Bewußtseyn der Einzelnen ihren Gehalt und wahre Bedeutung in sich aufnimmt oder auch nur ahnet. Das sich bewußt werden des Einzelnen in Betreff desjenigen, was da ist, hängt zunächst von seinem besondren selbstthätigen Streben ab, die Gestaltung

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aber des Ganzen, einmal in der Zeit geworden, wirkt jetzt mit der ihm eignen über alles Einzelne in ihm erhabenen Kraft auf das Einzelne, und bildet sich fort im Wechselverkehr mit demselben. Ja das Wesen des Ganzen, einmal in das Leben aufgenommen, wirkt auch dann schon als Höheres auf die in und unter ihm begriffenen Individuen, wenn noch diese den Verein, den das Ganze unter ihnen stiftet, jeder ihrem besondren Triebe und Bedürfniss unterordnen, und wähnen, derselbe sei da, damit der Einzelne für sich bestehe. Es ist nehmlich das Bestehen des Ganzen, sofern es Daseyn gewonnen, dadurch, daß es in vielen Einzelnen ist, außer jedem, regt aber in jedem dasjenige an, wonach er ein bestimmtes Glied des Ganzen ist, entweder zu Eigennutz oder andrer selbstsüchtiger Leidenschaft, oder zur Bildung für das Ganze. Indessen ist nun ferner, ob der Einzelne das Ganze als solches und sich als organisches Glied desselben verstehe, für die Fortbildung und das Leben des Ganzen mit nichten gleichgültig. Das Ganze lebt zwar über den Theilen, aber zugleich mit diesen, von welchen es eben so weinig ein abgesondertes Daseyn hat, als die Theile von ihm getrennt sind. Es bildet sich mannigfaltiger aus je nach der Verschiedenheit der Lebensbestimmungen, welche die Einzelnen als solche hinzubringen, es sei von sich anfangend, oder durch den Einfluß des Ganzen oder andrer Einzelnen getrieben. Inzwischen kann auch im letztren Fall die Thätigkeit des Einzelnen oder das durch dieselbe Geschehne nicht

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erschöpfend in der Causalität jenes Einflußes enthalten seyn, sofern nicht auf die Betrachtung desselben als eines lebendigen Wesens und auf allen organischen Charakter völlig Verzicht geleistet werden soll. Durch die Wirkung und Gegenwirkung, worin der Einzelne mit dem Ganzen und den übrigen unter ihm befaßten Theilen verflochten ist, wird er zwar in irgend einen Zusammenhang mit jenem gerückt, aber es folgt nicht, daß, wenn nun der Einzelne die Stelle und Beziehung, welche er so erlangt, ihrer gegebnen Bestimmtheit gemäß ausfüllt, seine Thätigkeit die dem ganzen Geschichtswesen oder dessen gegenwärtigem Zeitalter oder ihm selbst wesentliche sei. Ja es ist die Frage, ob diese sich mit jener, durch einer häufig in der Geschichte und beinahe im Leben jedes Einzelnen vorkommende Vermittlung, ausgleichen lasse. So kann man von historischen Individuen sagen, daß sie die zeitlich bestimmte Aufgabe ihres Lebens, nicht so die ihres Wesens lösten. Es geschieht ferner, daß in dem Lebenskreis, der dem Individuum im Ganzen beschieden ward, das Wesentliche, dessen Herstellung das Ganze von diesem Theil zu erwarten berechtigt war, sich hätte entwickeln können, wenn der Einzelne seiner Bestimmung genug gethan hätte. Hingegen steht, da das Ganze mit nichten durch die Mehrheit der Theile oder durch alle ihrer Zahl nach gesetzt wird, sogar ein Einzelner in dem Maaße, als er für seinen Theil die Wesenheit des Ganzen bildete, vermöge dieser Bildung höher denn die Menge seiner zurück-

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bleibenden Genossen. Von der anderen Seite kann das edelste und der Zeit wesentlichste Streben im Kampf mit einer bestehenden Unfähigkeit oder Verderbtheit unterliegen.

          Es giebt eine Betrachtung der Historie, wonach besonders in Erwägung gezogen wird, was in jenem Hin und Herwirken zwischen lebendigen wesentlich von einander verschiednen Wesen, zwischen Theile und Theile, Theile und Ganzem, als historische Gestaltung außer jedem dieser Wesen für sich, im Ganzen erzeugt wird. Es ist beinahe überflüssig zu sagen, daß die Geschichte erst vollständig begriffen wird in dem Verein jener Bildungen mit den lebenden Individuen als geschichtlichen Gestalten, aber es sei vergönnt, hier die obige Bemerkung näher anzuwenden, wie jene nicht minder als diese und in ihrem Verhältniss zu denselben organisch zu würdigen sind.
          Eine geschichtliche Gestaltung ist nie reines Erzeugniss eines Einzelnen, aber sie hat eine wesentlich verschiedne Bedeutung und Energie der Bestimmung, je nachdem sie mehr unmittelbar dem Ganzen und Höheren angehört, oder näher steht dem Einzelnen und Untergeordneten. Auf jeden Fall wird jeder einzelne Beitrag zu irgend einer historischen Bildung unaufhörlich zu etwas Anderem, zu einem von den Urhebern verschiednen Daseyn, bestimmt als Anderes diese wieder, und kann in die Beiträge der Einzelnen nicht wiederum aufgelöst werden. Demohngeachtet führt dieselbe ihr Leben nur in den Individuen, und ihr Werden besteht in den Bestimmungen,

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welche sie auf diese ausübt, und von diesen erleidet. Der Staat, die Sprache, Wissenschaft, die Kirche, eine Schlacht, alles Geschehne, hat kein andres geschichtliches Daseyn. Jede zeitliche Bildung wird zwar nicht dem höchsten Grunde aber einem untergeordneten nach schon deshalb stets zu einer anderen, weil sie immerfort auf andre Individuen und neue Geschlechter trifft, von denen jedes ein eignes Recht des Lebens und Wirkens mitbringt. Es kann Zeiten geben, und es hat deren gegeben, worin das Geschehne das individuelle Leben ganzer Geschlechter überwältigte, andere, worin bisherige historische Bildung der Anmaaßung eines neuen Geschlechts, nur bilden zu wollen, unterlag. Warum darf man behaupten, daß Beides mit dem gesunden Verlauf der Geschichtsentwickelung streitet? Abgesehn von anderen Gründen aus diesem, weil in der Einen Periode nicht beachtet wird, daß das Gebildete in dem Augenblicke, in welchem es gebildet wird, dem bildenden Geschlecht als ein Eignes, Zurückwirkendes gegenübertritt, während jenes das allein Bestimmende zu seyn wähnt; und weil in der andern Zeit ein wesentliches Recht der individuellen selbstthätigen Bestimmung und Gestaltung versäumt wird. Welches hernach einleuchtet, wenn man erfährt, daß eine historische Bildung nur alsdann kraftvoll dasteht, so lange sie mit ihren Umgebungen in solcher Wechselwirkung sich erhält, als deren jedesmal anders in der Zeit bestimmten vorüberge-

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henden individuellen Natur allerseits angemessen ist.
          Unternimmt dagegen, nachdem das Geschehne und Vergangene lange für das allein Bestimmende gegolten, irgend eine neue Generation, das Recht der Rückwirkung wiederum an sich zu reißen, so mag sich leicht erst nach gewaltsamer Erschütterung ein gleichmäßiges und gesundes Wechselverhältniss allmälig herstellen können. Denn betrachten wir genauer, womit sie die Wechselbestimmung zu bestehn hat, so ist dieses ein Gebildetes, dessen Bildung durch eine Kluft mehrerer Lebensalter von ihr geschieden ist. Sie, als diese Generation, ist in der Ordnung der Geschichte zunächst angewiesen auf den Zusammenhang mit der Eigenthümlichkeit der unmittelbar vorhergehenden. Aber schon diese ist in einem Überlieferten untergegangen, und hat sich zu keinem eignen geschichtlichen Bestehn erhoben. Hiemit ist die Kette lebendiger Fortbildung durchbrochen, die sich darstellende Generation findet bei dem vorherigen Gliede nicht die ihr, ihrer Individualität gemäße und bestimmte Entwickelung, auch die Gestaltung des Ganzen ist zurückgeblieben. Es entsteht die verhängnissvollste aller Geschichtsaufgaben, sich, ohne von der vorigen Lebensstufe die wahre Besinnung entlehnen zu können, bewußt zu werden, welches wesentliche Glied man im Ganzen, und welche Bestimmung vermöge dieser Individualität und mit Beziehung auf den bestehenden Zustand des gesammten Geschichtswesens zu erfüllen sei. Es läge dem

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Geschlechte, wenn es seiner Stelle genügen sollte, nicht bloß ob, sich aus sich selbst als dasjenige zu gestalten, was es ist, sondern auch jenes gewissermaßen hervorzubringen, welches auf den früheren Stufen bereits hätte entfaltet werden sollen, und so die Gegenwart und sich zugleich seine Vergangenheit schaffend, es dem ganzen Organismus möglich zu machen, bis an die Gegenwart heranzurücken, und mit dem sich eben entfaltenden Zeitalter und Gliede in den wahren beiden angemessenen Wechselverkehr zu treten. Wird Eine Generation eine solche Aufgabe zu lösen ausreichen, oder wird sie nicht einen grossen Theil desjenigen was ihr zu thun gegeben ward, folgenden zurücklassen? Ist nicht bisher in aller Geschichte jedes Geschlecht, außer zu seiner eigenen Lebenserfülung, mit Unerfülltem von der Vergangenheit belastet geboren worden? Man pflegt bei Beziehungen dieser Art gemeinhin nur an das Staatsleben zu denken, aber sie gelten gleichermaßen von der Wissenschafts- und Kunstbildung, und von allen übrigen Theilen der Lebensgestaltung.

          Ich entschuldige die Abschweifung, und erlaube mir, zu dem Früheren noch einige Worte hinzu zu setzen. Das Kaiser- und Pabstthum, das Lehnsystem, sind einst historische Bildungen gewesen, welche dem Leben ganzer Zeitalter vorstanden, in ihrer jedesmaligen stets sich verändernden Gestalt aufzufassen, aber nicht vollständig weder aus dem Vorigen noch aus dem Gleichzeitigen zu erklären, weil sie jedem Zeitalter und Allem, was es enthielt,

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ein eignes Leben entgegensetzten, und in diesem Wechselverkehr wiederum eine Reihe neuer Erscheinungen hervorriefen. Es wird sonach jede historische Bildung erst dadurch, daß sich ihr gegenüber, neben, unter und über ihr, ein andres Daseyn als anderes behauptet. Dieses ist so wahr, daß wenn sich die Theile eines historischen Ganzen nicht als von diesem verschieden hervorthun und zu bestimmter Zeit gestalten, denselben kein geschichtliches Daseyn zukommt. Wenn von dem Jesuitenbunde als entschieden anzunehmen wäre, daß derselbe in keinem seiner Mitglieder ein von dem Ganzen verschiednes Leben hätte zu Stande kommen lassen, wenn also die Thätigkeit derselben erschöpfend aus dem Ganzen erklärt werden möchte, so müsste man den einzelnen Jesuiten als solchen alles eigentlich historische Daseyn absprechen; welches nur dem Ganzen dieses Vereins beizulegen wäre, sofern es als Verschiednes mit Anderem in thätiger Wechselbeziehung gewesen. Wenn ferner ein Individuum im Ganzen ein abgeschlossenes Daseyn seiner Selbstsucht zuwendete, ohne dasjenige zu erleben, wonach es ein bestimmtes Glied des Ganzen ist, berufen ein eignes demselben Wesentliches her vorzubringen, so hätte auch ein solches seine Stelle in der Geschichte verwirkt. Es wird der Hofpartei unter Karl I. und Karl II. von Grossbritannien von einigen Schriftstellern zugeschrieben, sie habe das eigne politische Daseyn des Volkes und eines individuellen kirchlichen von der herrschenden Kirche verschiednen Be-

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stehns vernichten wollen. Vorausgesetzt, sie hegte dieses Bestreben in der That, so hätte sie, wenn ihr die Ausführung gelungen wäre, die historische Existenz jenes politischen und religiösen Lebens, ein lebendiges Glied in dem Ganzen, vernichtet, und sofern sie Alles zu dem gleichförmigen Ausdruck einer Einheit umgewandelt, soviel in ihr war, den organischen Charakter in der Geschichte Grossbritanniens, zerstört. Dieses ist folglich der Stempel eines historischen Bestehns, nicht eine Wiederholung und Fortsetzung desjenigen, welches schon da gewesen, sondern die lebendige Wechselbestimmung mit einer wesentlich verschiednen, in der Zeit lebenden Gestalt. Dieses ist demnach auch das wahre historische Bestehn einer Zeit, daß sie mit einem wesentlich von dem vorigen verschiednen Leben, welches mit dem Vergangenen in thätiger Gemeinschaft und Wechselverkehr ist, in das Daseyn tritt. Offenbar ist nun ein solcher Wechselverkehr zweifacher Art, entweder der entgegengesetzten eigenthümlichen Natur der sich gegenseitig bestimmenden Wesen angemessen, und sie als verschiedne in ein höheres Ganze vereinigend, oder feindselig und auf gegenseitige Beeinträchtigung und Vernichtung ausgehend. Die gegenseitige Bestimmung ist ferner verschieden, je nachdem sie besteht zwischen Einzelnen als solchen, oder zwischen Untergeordnetem und Übergeordnetem, oder zwischen demjenigen, welches mit der Thätigkeit des Ganzen auftritt, und den Theilen.

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          An dieser Stelle erwartet die Geschichtserkenntniss die Erfüllung der Verheißungen, worin sich die vorhin erwähnte Ansicht kund giebt. Es entsteht die Frage, ob das menschliche Daseyn nichts sei außer demjenigen, welches im zeitlichen Zusammenhang erscheint? Das Gegentheil sei als ein in sich Gewisses gesetzt und damit, daß mit nichten das ganze individuelle Wesen, welches einer geschichtlichen Entfaltung zu Grunde liegt, in dieser erschöpft werde. Wie alles Zeitliche dem Ewigen untergeordnet ist, so auch jeder werdende Organismus historischen Lebens seiner ewigen Wesenheit, welche in ihrem Seyn erkannt oder vorausgesetzt, nicht weniger organischer und individueller Lebensfülle in sich enthalten müßte, als die historische Entwickelung, sondern im Gegentheil das ganze All dieses Wesens, wovon in der unvollständigen und vollständigsten geschichtlichen Entwickelung nur ein kleiner Theil, und dieser obendrein in mangelhafter Gestalt und Bestimmung geboren würde. Jede Vollendung im zeitlichen Leben gebildet wäre es vermöge des in ihr dargestellten Wesentlichen. Von einer solchen der Idee gemäßen Bildung müßte dargethan werden können, daß sie nicht etwa ein bloß allgemein Menschliches, sondern ein wahrhaft individuelles und Lebensvolles sei, welches anstatt den organischen Zusammenhang des historischen Ganzen zu unterbrechen, dessen Energie und Gesundheit erneuere, oder vielmehr dieses organische Leben in seiner unverletzten Frische selbst sei, ja sich als das we-

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sentliche Moment der bestimmter Zeit, worin es jedesmal auftrete, bewähre. Ob nun jene Vorstellungsweise nicht bloß zu behaupten sich zutraue, sondern nachzuweisen vermöge, daß sie diesen Anforderungen in einem bestimmten Falle genüge, mag bezweifelt werden.
          Es ist eine alte von Plato an auf dem Gebiet der Philosophie lebende Erkenntniss, daß der in der Zeit sich entwickelnde Geist, unabhängig von dem zeitlichen Causalzusammenhang, Theil nehmen könne an einem Wesentlichen über der Zeit, an einem Wahren, Guten, Gerechten, Schönen, und dasselbe im Leben bilden. Es wäre eine durchaus grundlose Furcht, die indeß manche Historiker geängstigt hat, zu vermuthen, eine solche Theilnahme und Darsteliung der Idee müsse, da sie nicht in den Vorherigen oder Vorhandenen enthalten oder gegeben oder dessen Entwickelung sei, die Ordnung des Lebens aufheben oder verwirren: eine Verlegenheit verschwistert mit einer anderen, worin Einige befangen, den Staat, nachdem der Zustand des Unrechts einmal aufgehört hätte, nirgends mehr anzubringen wissen. Im Gegentheil ließe sich zeigen, daß jene Darstellung in der jedesmaligen Epoche des historischen Lebens mit deren wahrem Charakter auf das vollkommenste übereinstimmen müße, oder diesen vielmehr erst bilde und ans Licht fördere. Man verwechsele nur nicht, was gleich von allen Seiten zufließt, wenn irgend ein neuer Anfang des Lebens in einem Organismus entsteht, oder das Anschliessen dieses Neuen an das Vorhan-

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dene, mit demjenigen, welches vorher schon da war. Es sei, als auf ein wahrhaft grosses, durch alle Zeiten leuchtendes Beispiel, auf die historische Bildung des Christenthums verwiesen.

          Inzwischen kommt es für die philosophische Geschichtserkenntniss nicht hierauf zunächst an, sondern auf die Einsicht in das eigenthümliche ewig Wesentliche desjenigen Wesens, welches als werdendes Ganzes in der Zeit sich entfaltet, damit erkannt werde, welches Weltall eigner Wesensbestimmung demselben zu Grunde liege, und hierin erst das wahre Verständniss seines geschichtlichen Lebens aufgehe. In Hinsicht der Theile und Glieder wäre sodann zu erforschen, welches von jedem anderen verschiedne Wesentliche jedes an seiner Stelle im Ganzen zu gestalten, und dadurch für seinen Theil das Leben des Ganzen zu ergänzen hätte. So lange hingegen die Philosophie die Mannigfaltigkeit der historischen Erscheinung bloß mit den höchsten Ideen des Rechts, des Guten, des Schönen, des Wahren, oder mit den allgemeinsten Gesetzen eines organischen Bestehns, oder mit einem tröstlichen hoffnungsvollen Begriff von einem Wachsthum des Menschheitlebens zum Besseren zu vergleichen vermag, sind zwar ihre Aussprüche nicht zu übersehn, aber das Geschichtsleben als solches erleuchtet sie nicht.
          Es ist nehmlich jedes Wesen, dessen Leben in dem historischen Zusammenhang vorkommt, außer daß es mit jenen Ideen übereinstimmt, ein eignes Wesen für sich in sei-

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nem wesentlichen Ganzen verursacht, welches indeß als dieses Wesen nicht in jenen Ideen erkannt wird. Daß dieses Wesen ferner zu bestimmter Zeit in der Zeit geboren wird, sollte, je weniger es in der zeitlichen Causalverbindung enthalten seyn kann, in der philosophischen Erkenntniss seine Begründung finden; so daß auf jeder Lebensstufe eingesehn würde, wie sich die individuel verschiedne Wesenheit der entgegengesetzten Glieder wechselsweise voraussetzt, und in diesem Zusammenhang nothwendig ist: wonach die Erforschung der zeitlichen Bestimmtheit und Entwickelung dieser Glieder in ihrer gegenseitigen Beziehung der rein geschichtlichen Erkenntniss immer noch anheim gestellt bleibt. Jene Begründung sollte nachgewiesen werden nicht in Beziehung auf eine in unbestimmbare Ferne hinauszurückende Vollendung des Menschheitlebens, sondern in Beziehung auf jede größere Epoche wenigstens der Vergangenheit und Gegenwart; um so mehr, da jede Periode anerkanntermaaßen nicht bloß da ist als Vorbereitung jenes golden Zeitalters, sondern ihrer selbst und ihrer eignen Lebensbestimmung wegen, und mit ihr ein eigenthümliches Lebenswesen auf immer aus der Geschichte scheidet.
          Das Voraussehn in die Zukunft, ob sie sich gleich dazu anheischig macht, könnte man jener Ansicht erlassen, wenn sie die verlangten Aufschlüsse über die höhere überzeitliche Wesenheit der historischen Gestalten nur mit der Erkenntniss der zeitlichen vergangenen

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Entwickelung zugleich ertheilte. Schon in der Geschichte ist das geschichtlich individuelle Wesen noch von demjenigen zu unterscheiden, welches den Inbegriff seines zeitlichen Lebens ausmacht; um so weniger kann es hier hinreichen, von einigen Gesetzen und sogenannten Grundformen des Verlaufs eines zeitlichen Lebens zu reden, das Wesen selbst aber, welches in der Zeit nach diesen Gesetzen leben soll, seiner Eigenthümlichkeit nach vorauszusetzen.
          Wenn angenommen werden darf, daß in jedem geschichtlichen Ganzen, in jedem Volk, ein eignes Weltall von Ideen, und in diesem, in jedem neuen Geschlecht ein von allem Vorigen verschiedner Organismus von Wesen an das Licht der Zeit gefördert wird, so sollte demnach die philosophische Geschichtserkenntniss die historische Entfaltung als das mehr oder minder vollkommne Leben jener ewigen Wesenheiten, in ihrem organischen Verhältniss zu diesen, betrachten können. Daß keine historische Bildung ihrer vorausgesetzten Idee durchaus gemäß sei, ließe sich allenfalls darthun. In dem Wechsel sich immerfort drängender, organisch verbundener aber ausschliessender Gestaltungen könnte der historische Organismus, wenn auch zu einer bestimmten Zeit (und anders als jedesmal zu bestimmter Zeit kann dieses nicht geschehn) die Idee mit Alles beseelender Kraft in ihm aufleuchtete, in keiner Periode dem Einfluß des Kränklichen und Mangelhaften aus einer vorigen entgehn, noch der unvollkommnen, zu-

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rückbleibenden, ungleichen Theilnahme seiner Glieder an jenem Wesentlichen ausweichen. Denn von diesen Gliedern hätte Jedes jenes Wesentliche erst selbstthätig in sich aufzunehmen und zu erleben. Gleicherweise wäre zu beseitigen, daß die historische Gestaltung des ewig Wesentlichen kein Einförmiges ist, welches erst durch das hinzukommende Abweichende und Verderbte zu einem Mannigfaltigen werde: ein Punct, der merkwürdig genug ward, durch einen alten, auch in unsern Tagen erneuerten, Kampf der Philosophen und Historiker, vorzüglich auf dem Gebiet des Rechts- und Staatslebens. Denn sofern jene versuchten, oder wenigstens zu versuchen schienen, die Aufstellung einer bleibenden Form für das sogenannte Wirkliche, über deren Grenzen hinaus sich keine historische Bildung bewegen könne, ohne sich mit dem Unrecht zu vermischen, schienen sie dem Historiker wie im Traum zu erzählen, und selbstersonnene oder aus geschichtlichem Stoff willkürlich zusammengesetzte Bildungen mit den wahrhaft lebendigen zu verwechseln. Es ist auch nicht zu leugnen, daß wo eine aus zeitlichen Bestimmungen oder deren Verallgemeinerung gebaute Form, z.B. des Staats, für das Bild des wahren ursprünglichen ausgegeben wird, der Philosoph seinerseits das Wesen der Idee eben so verkennt, als der Historiker das Wesen der Geschichte, wenn er aus dem Bestehnden als diesem ein Gesetz für die Gegenwart oder das Folgende, oder gar zur Entscheidung über Recht und Unrecht nimmt. Jede

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zeitliche Bestimmung geht als solche vorüber, und die Übereinstimmung mit einem ewig Wesentlichen schützt sie nicht vor dieser Verganglichkeit. Deshalb ist aber der Übergang in eine andre Gestalt nicht krankhaft, sondern auch in dem gesunden und von dem Wesentlichen erfüllten zeitlichen Organismus verursacht: man sei denn gesonnen, welches man nicht seyn sollte, die Darstellung der Idee deshalb als eine unendliche Aufgabe zu setzen, weil sich nach unsrer Erfahrung immerfort durch wesenwidrige Rückfälle gehemmt würde.

          Wenn wir eine grosse Gestalt der Geschichte, wir setzen das Reich der Römer, an innerer Zerrüttung, Ohnmacht und Erschöpfung enden sehn, und ferner alle Faden des zeitlichen Zusammenhangs verfolgen, worin dieser Verfall herbeigeführt wurde, so überschaut diese Betrachtung die eigne Art und Weise, auf welche dieses Geschichtswesen sein Leben in der Zeit beschloß. Sofern weiter darauf geachtet wird, wie der jugendlich frische Andrang Germanischer Völkerstämme diesen zusammensinkenden Bau vollends über den Haufen warf, und ein neues Weltalter grundete, hat man ein höheres Ganzes des Geschichtslebens im Auge, worin diese Wechselbestimmung des neu aufstrebenden Daseyns mit dem alten und die hieraus hervorgehende weitere Entwickelung statt findet. Hieraus wird eingesehn, warum das Römerreich so oder so unterging; aber keine zeitliche Bestimmung vermag mehr, als wiederum eine zeitliche Bestimmung zu erläutern: der Unter-

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gang selbst ist die Erfüllung eines ewigen Gesetzes, wonach jedes erscheinende Daseyn, und wenn es allen Forderungen eines lebenskräftigen Bestehns stets genügte, damit einem andern und verschiednen Leben die Stätte bereitet werde, in die Fluth der Zeiten wiederum verschlungen wird.
          Vorausgesetzt, es tritt in den geschichtlichen Zusammenhang in jedem Augenblick ein eignes überzeitliches Wesen ein, so kann dessen Wesenheit, und daß es grade zu dieser Zeit eintritt, nur in einer höheren ewigen Ordnung verursacht seyn, gesetzt auch, wir vermöchten, was wir nicht vermögen, seine Lebensgestaltung für sich aus dem Bisherigen und Vorhandenen zu erklären. Damit uns nun klar werde, was wir im wahren Sinne das wesentliche Moment einer Zeit zu nennen haben, so führe uns die Philosophie jene höhere Ordnung vor Augen, mit Beziehung z. B. auf eine Nation, welche, in sich ein über jeder geschichtlichen Entwickelung geschaffenes individuelles Wesen, als Glied des werdenden Organismus der Historie in der Zeit geboren wurde. Zu einem Geschichtswesen geworden, arte sie nun aus oder gehorche dem Gesetze ihres Daseyns, lebt sie innerhalb der Grenze der ihr in der ewigen Ordnung der Wesen angewiesenen Natur. Ja ihr kränkliches, mangelhaftes, verderbtes Bestehn trägt noch das Gepräge ihres eigenthümlichen Seyns, und ein wahres Verständniss von jenem weißt auf dieses zurück. Die Art der Theilnahme sogar an der Idee, wenn wir diese als die Quelle seines

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Daseyns bezeichnen dürfen, an welcher das Geschichtswesen die volle Gesundheit seines zeitlichen Lebens schöpft, ist bedingt durch dasjenige, welches das Individuum jedesmal im Leben ist.

          Es giebt unzähliges in demjenigen, welches ich den Bildungsprocess des historischen Lebens nennen möchte, was zwar in Darstellungen der Kunst theilweise hie und da seinen Ausdruck fand, die Einsicht hingegen des Wissens stets noch mit unerforschten Räthseln neckt. Vermöchten wir das Gesetz der Entwickelungsfolge und Lebensgestaltung als dieser, welches sich in jeder Bildung, Abart, Mißbildung, auf gewisse Weise bestätigen muß, näher zu durchschauen, und wie sich die Lebensbestimmungen aus einander entfalten und in einander greifen, durchgängig zu verfolgen, so würde diese Erkenntniss eine vermittelnde Stufe seyn, wodurch das höhere Gesetz der organischen Wechselwirkung für die Betrachtung der Historie erst recht fruchtbar würde. Ich denke hierbei nicht etwa an eine allgemeine Regel, die uns lehren könnte, was bei Wirkung und Gegenwirkung in einem gegebnen Fall herauskommen müßte; denn dieser wird immerfort einer solchen Regel spotten: sondern an das organische Moment der Wechselbestimmung für das Gebiet der historischen Erscheinung. Unter anderen Andeutungen dieser Blätter in genannter Hinsicht ist auch jene schon vorgekommen, daß in jeder gegenseitigen Bestimmung menschlicher Individuen, deren Erkenntniss zuvörderst die vollständige

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Durchforschung der in der Zeit thätigen Wesen voraussetzt, außer demjenigen, welches dem Einzelnen für sich zufällt, Etwas übrig bleibt, was sich auf diese entgegengesetzten Bestandtheile nicht zurückführen läßt, und auf irgend eine Weise dem Ganzen angehört, worin jene verbunden sind, oder durch ihr Zusammenwirken aufgenommen werden.
          Aber es mag mit Fug als ein vergebliches Bemühen ausgelegt werden, Einzelnes hervorzusuchen, während das ganze historische Bilden durchweg noch nirgends auf eine seiner würdige Stufe der Einsicht gehoben ist. Oder wäre nicht anzuerkennen, daß die überlieferte Betrachtung der geschichtlichen Causalität immer noch mit ihrem eignen Schatten kämpft? Es möchte ein eiteles und trügerisches Vertrauen seyn, auf die Philosophie zu warten, bis diese in ihrer Ausbildung der Geschichte nahe genug getreten sei, um auf alle jene Momente ihr höheres Licht zu werfen. Zuvörderst muß wohl ein längeres diesen Puncten zugewandtes Studium der Geschichte, indem es uns über jene Momente, über ihre allseitige Verzweigung und Entfaltung zum historischen Leben aufklärt, die Annäherung der Philosophie erst möglich machen. Sodann wird auch diese das ihrige thun, und der Weg gebahnt, auf welchem wohlerworbene Ansprüche sich zu wechselseitiger Befriedigung ausgleichen werden.

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Göttingen, 1824          


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