Jannis Zinniker

Nuria
Erzahlung aus Kurdistan

 



Die feinen, trockenen Schneekörner fegen mit dem Wind über die Kreten der Berge. Sie schleifen über die Eisdecke des Flusses, sammeln sich hinter dem Steinpfeiler der alten Bogenbrücke. Sinnlos ist sie geworden, die Wege zu und von ihr sind verschneit. Die Spuren der Menschen, die sie zuletzt überquert haben, hat Schneegerinsel aufgefüllt und verwischt. Die Schneekörner prallen an die Brückenmauer, suchen Unterschlupf in den spärlichen Ritzen, fallen in die Nische, die in alter Zeit eine Heiligenfigur der Armenier zierte.
Weiter hinten im Tal weht der Schnee übers Dorf hinweg. Er sammelt sich im Windschatten der Hauserkanten zu sanften Wellen. Er raschelt auf den kleinen Fensterscheiben, rieselt in die Kamine.
Die Menschen bleiben in den Häusern. Sie gehen nicht mehr zum Brunnen. Ein Kessel Schnee genügt als Wasservorrat. In den dunklen Räumen scharen sie sich um die Feuerstellen, die Kohlenbecken und die Ofen. So treiben sie in ihren Hausern wie Jonas im Fischbauch durch den Wintersturm. Zwei, drei Tage kann das dauern, vielleicht auch eine Woche oder zwei.
Irgendeinmal wird der Wind nachlassen. Die Flocken, Körner und Nadeln werden zu Boden sinken. Der Himmel wird sich des Nachts entblössen. Die Sterne werden funkeln. Im fahlen Licht der Morgendämmerung werden die Gipfel der Berge weisslich aufschimmern, bis vom Osten her das Licht aufsteigen wird, welches die Schneeflachen bis zur letzten Delle mit Morgenrote übergiessen wird. Einige Menschen werden auf die flachen, schneebedeckten Erddächer steigen und dem Farbspiel in stummer Anbetung zuschauen. Die klirrende Kalte wird sich vor der aufgehenden Sonne nochmals aufbaumen. Und dann wird es so weit sein: Das Sonnenlicht wird die ersten Gipfel treffen und schnell über die silberweissen Hange ins Tal hinuntergleiten. Und über allem wird sich ein makelloser blauer Himmel spannen.
Auch jetzt sprechen die Menschen in ihren dunklen Häusern davon wie von einer unwahrscheinlichen, fernen Geschichte. Schnee sturmschleier nehmen die Sicht bis zum Nachbarhaus. Der Rauch flieht vor den Windstössen, die durch den Kamin nach unten dringen, in den Raum. Die Schafe lärmen in den Ställen.
"Ein schlechtes Zeichen", sagen die Hirten. "Der Schnee wird am Ende das Dorf bedecken. Ertrinken werden wir im Schnee. Die Häuser werden wie auf Grund gelaufene Schiffe im Schnee versunken bleiben. Das ist die Rache der Armenier, die von unseren Vorfahren aus diesen Häusern gejagt wurden."
Wer erinnert sich nicht, wie sie in einem langen Zug vom Dorf Richtung Brücke zogen? Und das Schlimmste dort: Die Knechte des Aga Dewlemend, die dafür sorgten, dass kein Geld, kein Schmuck, kein Fingerring, kein Kleinkind das Tal verliessen. Wer kann die weinenden Mütter vergessen, die den ertrinkenden Säuglingen nachschrieen? Im Heulen des Windes sind ihre Seelen wiedergekommen, um Rache zu nehmen. Das weiss jedes Kind im Dorf.
Aga Dewlemend stürzte in der Morgendämmerung von seinem
Pferd und brach sich das Genick. Er konnte sich seines gestohlenen Reichtums nicht erfreuten. Seine vier Frauen starben an Tuberkulose und Aussatz. Die Söhne verhökerten das Gold der Armenier in der Stadt, kamen mit Krankheiten zurück, über die man nicht sprach. Eine Stammesfehde kostete ihnen Herden, Hirten und Alpen. Die Enkel gaben ihr letztes Geld für Kalaschnikows aus. Tm Kampf mit der Jandarma fielen sie oder wurden, wie zum Beispiel Masut, zu Tode gefoltert.
Einer ist geblieben. Halil. Der Letzte der Dewlemend. Der Dorfschneider. Sommer und Winter sitzt er in seiner Stube, schneidet den schwarzen Stoff für die Schalwarhosen der Männer zurecht und näht und näht mit seiner Nähnadel. Eine Maschine besitzt er nicht.
Seit die Jungen im Dorf Jeans aus der Stadt tragen, hat seine Arbeit abgenommen. Nur die Alten und die Armen tragen noch Pluderhosen. Und auch die flicken sie hundertmal, so dass nur alle paar Jahre eine neue Hose fällig wird. So näht Halil eben auch die bunten Stoffe, die sich die Frauen für ihre Pluderhosen kaufen, zusammen. Eigentlich keine Männerarbeit. Er weiss es
Im Teehaus lachen sie über ihn. Ein Kurde befasst sich mit Gewehr, Pferd und mutigen Dingen. Aber dieser Halil hat als einzige Waffe eine Nähnadel, und er ist ein Diener der Frauen. Ein Feigling. Ein Hosenscheisser, der den ganzen Schalwar vollmacht, wenn nachts in den Bergen gekämpft wird, wenn an den Talwänden das Rattern der Maschinengewehre, der dumpfe Knall der Handgranaten und das Tuckern der Pistolen sich im Echo vervielfachen. Und dann ist da noch etwas. Das ist noch schlimmer als seine Angst und die Frauenarbeit, die er macht. Er hat es nämlich nur zu einem einzigen Kind gebracht! Und erst nur zu einem Mädchen! Sein Nachbar Amir hat zehn Kinder, sechs Söhne und vier Mädchen. Und Hüseyin, der hat gar 14 Kinder, sieben Söhne und sieben Mädchen! Halil hat nur seine Nuria, weiter nichts. Er ist kein Mann.
Die Frauen des Dorfes sehen das nicht so. Sie sind froh, wenn ihnen Halil ihre Kleider näht. Denn sie müssen die Schafe und Ziegen melken, Butter, Kräuterkäse und Joghurt machen, Fladenbrot backen über der Glut in der Erdgrube. Sie müssen die Wolle waschen und spinnen. Auf den Webstühlen warten die angefangenen Kelims und Teppiche auf sie. Sie sammeln den Mist der Tiere und trocknen die Fladen, die sie zum Heizen brauchen. Sie hüten die Kinder so gut es geht und bebauen die kleinen Gärten mit Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Kürbissen und Bohnen.
Sie sind froh, wenn ihnen Halil die Arbeit des Nähens abnimmt. Wenn sie in seine Stube kommen, sagen sie immer: "Gott möge dir Kinder schenken." Aber dann sagen sie: "Ach was, das ist auch gut so, wie du lebst. Deine Nuria ist ein hübsches Kind. Gott gebe, dass ein guter, schöner, reicher Schwiegersohn bei dir anklopfe!"
"Inschallah", pflegt Halil dann zu antworten, und er küsst Nuria auf das Haar. Und Nesaket, Halils Frau, bringt dann Tee für die Frauen. Nesaket ist behindert. Ein Bein ist viel kürzer als das andere, und der Fuss steht verdreht seitlich ab.
Als Kind hatte sie auf dem Hofplatz gespielt, als ein Pferd durchbrannte, sie umriss und ein Stück weit mitschleppte. Die Wunden des Pferdes pflegten die Männer. Nesaket interessierte sie nicht. "Ein dummes Mädchen. Es wird kein zweites Mal faul rumstehen auf dem Hof", sagten sie.
Halil nimmt Nesaket das grosse runde Servierblech mit den Teegläsern, der Zuckerschale und den Löffelchen an der Zimmerschwelle ab und stellt es vor den Frauen auf den Teppich. Jüngere Frauen lächeln dann zuweilen über den Diener Halil. Aber im Grunde genommen beneiden sie Nesaket um ihren Mann. Es ist ihnen wohl in seiner Schneiderstube. Hier wagen sie sich, ihren Kummer zu erzählen. Denn Halil geht selten ins Teehaus. Er wird also nichts weiter erzählen. Und wenn er das auch machen würde, die andern Männer würden ihn nicht für voll nehmen und seiner Rede keinen Glauben schenken.
Seit es zu schneien begonnen hat, sind auch die Frauen in Halils Stube ausgeblieben. Es ist still geworden im Haus. Wäre da nicht ab und zu das helle Lachen Nurias, die mit zwei schillernden Knöpfen, einem Holzstück und einem Kopftuch der Mutter am Boden in der Nähe des schwarzen Blechofens spielt, man müsste an ein Totenhaus denken. Halil sitzt, wenn es das karge Tageslicht zulässt, in der tiefen Nische des kleinen Fensters, des einzigen, das die Stube hat. Er naht aus vielen kleinen Stoffresten, von denen jeder eine andere Farbe hat, für Nuria einen kleinen Rock. Den soll sie über Schalwar und Pullover anziehen können. Wie ein Paradiesgarten soll der Rock werden. Nurias schwarzglänzendes Haar und die blauen Augen werden darüber strahlen und glänzen. Man sagt in dieser Gegend, dass schwarzhaarige und blauäugige Kinder vor ihrem Erdenleben das Paradies gesehen hätten und dass sie meist ganz besondere Menschen seien. Nuria ist das einzige Kind im Dorf, sogar im ganzen Tal, das schwarzhaarig und blauäugig ist. Und Halil erinnert sich nur noch an einen einzigen anderen Menschen, der diese Merkmale hatte.
Es war ein Wanderderwisch, der im Vorraum der kleinen Dorfmoschee übernachtete. Halil war damals noch ein Knabe. Seine Mutter hatte ihn mit einer Schüssel Essen zu diesem Mann, der kein Dorfhaus betreten wollte, geschickt. Der Derwisch hatte grosse klare wasserblaue Augen. Und als er seinen Turban abnahm, um ihn neu zu wickeln, da kam sein schwarzglänzendes Haar zum Vorschein, ein Haar, von dem die schönsten Frauen nur träumen konnten.
An diesem Abend blieb Halil lange aus, so dass sich seine Mutter schon ängstigte. Später munkelte man im Dorf, er sei von diesem Wanderderwisch wohl missbraucht worden. Darum sei er auch kein richtiger Mann geworden. Halil hat niemandem ausser Nesaket von der Begegnung mit dem Derwisch erzählt. Wer würde ihm schon glauben, dass er damals einen fliegenden Teppich besliegen hatte. Fliegende Teppiche! In einer Zeit, in der es nur Helikopter und Kampfflugzeuge gibt, die Bomben und Gasgranaten über die Berge streuen.
Ein Gutes hat dieser Wintersturm. Er legt alle Kampfe weg. Seit Tagen ist kein Schuss, keine Detonation mehr zu hören. Die Stille ist für viele, vor allem für die jungen Männer, beängstigend. Die Frauen sind sich an die Stille gewöhnt. Ihre Wiegenlieder, ihre Arbeits lieder arm Webstuhl klingen darin voller.
Die Männer sitzen um die Öfen und rauchen ihre selbstgedrehten Zigaretten. Sie reinigen ihre Waffen, trinken Tee, den sie sich von den Frauen bringen lassen. Sie sprechen von Geld, Besitz, Waffen und von den verborgenen Schätzen der Armenier. Einen Metalldedektor sollte man haben. Dann könnte man nur übers Feld gehen und das Gold ausgraben. Aber ein Detektor aus Deutschland müsste es sein. So einer, wie ihn die deutschen Touristen vor dem Krieg in ihren Rucksäcken mitgeführt hätten, wenn sie nach Wan oder Doubeyasit gereist seien. Und eine Landkarte müsste man haben, auf welcher die Schätze eingezeichnet sind, eine Karte aus dem Ausland.
Die Tabakdose wird eifrig weitergereicht. Gierig saugen die Männer den Rauch in die Lungen. Gierig saugen sie die Vorstellung in sich, über Nacht reich zu werden, ohne Anstrengung, nur mit einer Landkarte und einem Detektor über die Wiesen spazierend. Der Schneesturm ist ein Gefängnis. Er bringt zwar Sicherheit, aber er zeigt schonungslos die Enge auf, in der die Männer leben. Immer wieder gehen sie an die kleinen Fenster und werfen einen Blick hinaus in das Weiss. Aber noch zeigt sich kein Ende der Belagerung durch den Schnee. Das Geschrei der Kleinkinder, der Lärm der Grösseren, der Gesang der Frauen, das alles mögen die Männer schon nicht mehr hören. Aber es gibt keine Flucht. Nicht mal die Moschee ist ein Ausweg, denn der Weg zu ihr ist verschneit. Keiner schaufelt ihn frei, und zudem hat es dort keinen richtigen Ofen. Was soll man also dort in der Kälte sitzen? Man kann auch zu Hause beten. Allah hört ja, falls es ihn wirklich gibt, doch nicht zu. Sonst würde er eine Landkarte und einen Schatzdedektor aus Deutschland herschicken.
Halil legt seine Näherei weg. Das Licht ist zu schwach geworden. Wie spät es wohl ist? Er weiss es nicht, und er hat keine Uhr. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind seine Uhr, oder wenn sie nicht sichtbar sind, das Tageslicht. Aber in diesem Schneedämmer ist auch dies nicht verlässlich.
Die meisten Männer haben Uhren, die älteren Taschenuhren, die jüngeren Armbanduhren. Sie ziehen sie zu Rate, wenn sie sich langweilen, wenn die Stunden nicht vergehen wollen. Und sie verrichten ihre Gebete nach ihren Uhren, fünf mal im Tag. Die Frauen haben keine Uhren. Ihre Arbeiten sind ihre Uhren. Sie beten nach ihrem Gefühl.
Halil hält es wie die Frauen. Er betet vor Sonnenaufgang, am Mittag, wenn die Schatten kurz sind, in der Mitte des Nachmittages, nach Sonnenuntergang und vor dem Schlafen. Dazu braucht er keine Uhr. Seit er den Derwisch getroffen hat, betet er manchmal auch zu ganz anderen Zeiten. Die Moschee hat Halil nach einem Streit mit dem Dorfgeistlichen seit Jahren nicht mehr betreten.
Der Imam warf ihm damals vor, er habe die Armensteuer immer
noch nicht bezahlt. Ein gottloser Kerl sei er. So gottlos, dass ihn Allah und der Prophet ohne Kinder lassen würden. Halil blieb dem Imam kein Wort schuldig: Ein elender kleiner Beamter sei er. Ein Betrüger, der die Armensteuer selber einsacke. Ein Despot, der seine Frau schlage, die immerhin auch ein Geschöpf Allahs sei, ein gerateneres als er.
Das genügte. Seither hat Halil die Moschee nicht mehr betreten. Wozu auch? Gott ist überall, in seiner Nähstube wie in der Moschee. Er ist auch im Schnee, im Wintersturm, selbst in den Mistfladen und in den Schafen.Der Ofen ist nicht mehr warm. Halil weiss es, aber er ruft Nesaket nicht. Er weiss, dass sie nicht viel Brennmaterial haben und sparsam damit umgehen müssen. Nesaket weiss besser als er, wieviel pro Tag verbraucht werden darf. Überhaupt weiss sie vieles besser als er. Sie weiss, welches Kraut gegen welche Krankheit ist. Sie weiss zum voraus, wenn jemand im Dorf stirbt. Sie hat den Sturm vorausgesagt.
Halil bewundert Nesaket. Und er bewundert auch andere Frauen, zum Beispiel Chesal, welche die Wolle so wunderbar färben kann mit hundert Zwischentönen und Raschan, deren Kelims wie eine Sternennacht auf der Alp sind, und Zeynep, welche die schönsten Wiegen webt mit warmem Klettenwurzelorange und Krapprot. Die Frauen sind glücklich, dass da ein Mann ist, der ihre Arbeiten lobt. Wegen Halil geben sie sich Mühe, noch schönere Farben und bessere Gewebe herzustellen. Sie bewundern ihn, weil er es ertragen kann, wenn andere etwas besser können oder wissen als er. Nur ein paar Frauen, die junge Aysche oder die streitsüchtige Schahide zum Beispiel, finden die rechthaberischen Männer mit den Gewehren besser. Sehnsüchtig blicken sie ihren Helden nach, die nach einer Liebesnacht wieder in die Berge ziehen und sie mit Kindern, Schafen und Ziegen allein lassen.
Der Ofen ist kalt. Halil fröstelt. Er deckt Nuria zu, die beim Spielen eingeschlafen ist. Er legt die Hand auf ihre Stirn. Dann ruft er Nesaket. Fragend bleibt sie an der Schwelle stehen und streckt ihre mehlbestäubten Hände vom Rock ab. Halil deutet mit dem Kopf auf das schlafende Kind. Nesaket streift ihre Gummischuhe ab und betritt die Stube. Sie beugt sich vor und legt den Handrücken auf Nurias Stirn. Sie blickt Halil lange und traurig an.
Das Nachtessen ist einfach: Fladenbrot, Kräuterkäse und Joghurt. Nuria will nicht essen. Ihre Augen glänzen. Den Tee trinkt sie mit Mühe. Nesaket feuert den Ofen nochmals ein. Sie wird die Mistfladenration an einem andern Tag kürzen, wenn das Kind wieder gesund ist.
Frauen kommen. Sie schütteln sich den Schnee aus den Tüchern und Pluderhosen. Sie sprechen leise. Ihre Kinder sind auch krank. Vielleicht weiss Nesaket etwas, das gegen Fieber hilft. Die Männer haben sie unterdessen zum Imam geschickt. Er soll ihnen für die Kranken ein Amulett herstellen, das gegen die Rachegeister der Armenier schützt. Die Männer sind murrend gegangen. Einige sind zu Hause geblieben, weil sie die Geldmacherei des Imams nicht mögen.
Die Nacht ist lang. Halil hört den Wind und das reibende Geräusch der Schneekörner auf den Fensterscheiben. Manchmal ist Nesaket auch wach. Dann sprechen sie miteinander, geben sich die Hand über der kleinen Nuria, die sie zwischen sich gebettet haben, und schweigen wieder zusammen.
Viele Kinder sind erkrankt. Jeden Winter gibt es diese Seuche. Fieber, Durchfall. Der Atem immer hastiger, zuletzt flattrig. Dann fallen die Köpfchen entspannt etwas zur Seite, die grossen Kinderaugen starren ins Flechtwerk der Zimmerdecken. Die abgemagerten Körperchen erkalten schnell. Das Weinen der Mütter dringt bis in die Kälte hinaus.
Die Männer trinken Tee, wischen sich verstohlen eine Träne ab, rauchen, rauchen. Schliesslich bereiten sie dem Schreien und Weinen ein Ende, nehmen einen alten Kelim, wickeln das erstarrte Körperchen ein, tragen das Bündel hinaus und vergraben es im Schnee. Im Frühjahr, wenn die Erde nicht mehr gefroren ist, kommen die toten Kinder auf den Friedhof, in eine Reihe, eins neben das andere.
Manchmal versuchen die Mütter dem Entfernungswahn der Männer zuvorzukommen. Sie entkleiden die kleinen Toten, ziehen die Kleidungsstücke den lebenden Geschwistern über. Dann waschen sie die kleinen Körper, umhüllen sie mit einem Leichentuch, das sie zunähen. So will es der Brauch. Den Imam holen sich nur wenige. Der macht auch mit den Toten noch Geld. Und unschuldige Kinder ziehen sowieso gleich wieder ins Paradies, wo sie auch hergekommen sind. Das glauben hier alle. Daran kann auch das Gebet eines lmams nichts ändern.
Nesaket ist eingeschlafen. Halil blickt zu den Pappelstämmen, die als Deckenbalken die Stube durchziehen. Nuria atmet schnell und flach. Ihr Körper ist heiss und trocken. Wem ihr Gesicht gleicht? Nesaket hat braune Haare und grüne Augen. Halil hat schwarze Haare und braune Augen. Nuria ist wahrhaftig aus dem Paradies. Sie gleicht uns nicht, denkt Halil. Aus dem Paradies - ins Paradies. Wie soll man das verstehen?
Die Menschen sagen hier: "Allah hat's gegeben, Allah hat's genommen." Sie sagen das andern Menschen, um sie zu trösten. Für sich selber sagen sie das selten. Der Schmerz über den Verlust ist zu gross. Verluste, das sind hier verlorene Waffen, tote Pferde, durch Erdbeben zerstörte Häuser, durch Krankheiten dezimierte Herden, gefallene Kämpfer, tote Frauen und manchmal auch tote Kinder. Alles kommt von Allah, alles geht zu Allah. Wirklich? Auch der mehrfache Mörder Dewlemend, der schmutzige Imam? Die grausamen Kommandos der Jandarma und der Untergrundkämpfer? Sollen die alle mit den unschuldigen Kindern zu Allah gehen? Wer hat sich diesen Spruch ausgedacht?
Es ist Nacht. Aber die Schneemassen vor dem Fenster geben einen leichten Schein, der die Pappelstämme an der Decke für Halil sichtbar macht. Diese Stämme trugen einst Äste, waren begrünt. Jetzt sind sie durch den Rauch des Ofens und des Kohlenbeckens dunkel geworden. Alles kommt, alles geht. Wie der Atem. Und in den Pausen zwischen dem Kommen und Gehen? Was ist da?
Halil ist eingeschlafen. Ein Traum steigt in ihm auf. Er ist wieder der Knabe, der dem Derwisch das Essen bringt, dem Derwisch mit den blauen Augen, den schwarzen Haaren und den schimmernd weissen Zähnen. Er versinkt in diesen blauen Augen, und er weiss zutiefst, dass er den Derwisch nicht zum ersten Mal liebt. Er kennt ihn schon lange. Und der Derwisch nickt zustimmend. "Kannst du beten?" fragt er Halil. Und Halil will mit dem "Bismilla hirrahma nirrahim" beginnen, das er in der Koranschule gelernt hat. Aber der Derwisch winkt ab. Er nimmt Halil mit vor die Gebetsnische. "Tue, was ich tue und blicke mir immer in die Augen."
Der Derwisch sitzt im Fersensitz da, die Hände auf den Knien aufgelegt. Und er beginnt mit seiner näselnden und doch wohlklingenden Stimme zu singen: "La ilaha illallah. La ilaha illalah..." Alle Silben auf dem gleichen Ton, streng rhythmisch, nur die Silbe ill auf einem höheren Ton, und auf das letzte ah die Luft ganz herauspressend. Dann einatmen, tief, und wieder dieses "La ilaha illallah", es gibt keinen Gott ausser Gott.
Halil versinkt immer tiefer in den strahlenden Augen. Eine nie gekannte Wärme erfüllt seinen Körper. Er fühlt sich geborgen, stärker als in den Armen seiner geliebten Mutter. Er schwebt. Mit jedem "La ilaha illallah" entfernt er sich mehr von der Moschee, von dem Dorf, von seinem Körper. Er wird eins mit den Augen des Derwisch. Blau, blau, nur noch blau, in bewusster Bewusstlosigkeit.
Halil wacht auf. Nuria hat gestöhnt. Er streicht beruhigend über ihren Körper. "Der Derwisch hat mich besucht. Merkwürdig. Genauso ist es damals gewesen, so zeitlos", sagt er zu Nesaket, die auch erwacht ist.
Das Weiss im Fenster wird heller. Die Schafe rufen nach Futter. Der Tag beginnt. Ein gewöhnlicher Tag für Nesaket und Halil, wäre da nicht die fiebrige Nuria, der wieder neu aufflammende Sturm draussen, das Kommen und Gehen besorgter Mütter und das erstickte Weinen aus verschneiten Häusern.
Halil versucht am Paradiesrücklein weiter zu arbeiten. Aber Mutlosigkeit befällt ihn immer wieder. Nuria geht es schlechter. Näht er nicht ein Totenkleid? Wenn Nuria wach ist, setzt er sich zu ihr. Er hält ihr Händchen. Er wickelt ein feuchtes Tuch um ihre Beinchen. Wie ihre Haare glänzen! Und der Fieberglanz der Augen, die ängstlich den Raum absuchen und sich dann wieder schliessen! Es ist, als suche sich die Seele bereits einen Weg aus diesem Körper und diesem Haus, denkt Halil.
Nesaket versucht ihn aufzumuntern: "Nuria hat nur Fieber, nicht den gefährlichen Durchfall wie die andern Kinder. Näh du nur ruhig weiter oder bete. Beides ist gut für unsere Nuria. Ich kümmere mich schon um die Kleine." Nesaket erzählt nichts davon, dass bei Hüseyin die kleine Gülschah, bei Latif der kleine Ali, bei Mehmet die kleine Gülhan, bei Musa die kleinen Schaban und Schahin gestorben sind. Aber Halil hört das Weinen aus den Häusern in den Atempausen zwischen einem "Allah" und dem folgenden. Er hört es von weither durch den Sturm, in dem sein fliegender Teppich immer wieder stecken bleibt. Er will und will heute nicht steigen. Immer wieder halten ihn Gedanken am Boden fest.
Er versucht, sich das Gesicht des Derwisch vorzustellen, in seinen blauen Augen wieder zu versinken, wie damals. Aber auch das gelingt nicht.
Halil fühlt sich verlassen. Verlassen wie die anderen Männer in den verrauchten Stuben, die über den korrupten Sanitätsbeamten schimpfen, der die Medikamente auf dem Schwarzmarkt verkauft hat, statt sie dem Dorf zur Verfügung zu stellen. Rechtzeitig vor dem Sturm ist er in den Bezirkshauptort abgehauen. Man sollte ihn umbringen. "Wir werden ihn umbringen", sagen die Männer entschlossen. "Wir werden alle und alles zerstören, was von Staates wegen in unser Gebiet kommt. Wer sind wir denn? Kurden sind wir! Wir lassen uns nicht abschlachten wie die Armenier! Nein, niemals!"
Die Stimmen sind laut, erregt, manche auch schon heiser vom Rauchen. Das Gefängnis des Wintersturmes schürt den Hass. Für all die Enge, die Armut, das Geschrei haben die Männer den Schuldigen gefunden: Der Staat, dieses Pack aus Soldaten, Polizisten, Sanitätsbeamten, Richtern und Politikern. Alle werden sie umbringen, alle.
Halil hat sich beim Nähen gestochen. Das erste Mal seit Jahren. Er reibt sich die schmerzende Fingerkuppe. Was soll das bedeuten? Kommt jetzt die Rache der Armenier auch über seine Familie? Naht er wirklich Nurias Totenkleid? Er blickt durchs trüb gewordene Fenster hinaus ins Weisse, wo eben eine schwarze Gestalt sich im Sturm auflast. Das kann nur einer gewesen sein, denkt Halil.
Nesaket sitzt bei Nuria, die im Fieber wirr vor sich hinspricht. Halil versucht die Näharbeit und das "Allah" wieder aufzunehmen. Einatmen mit der ersten Silbe und ausatmen auf der zweiten Silbe und in den Atempausen alle Gedankenbilder loslassen, bewusst bewusstlos werden, wie es ihn der Derwisch gelehrt hat. Manchmal gelingt es, manchmal steht die schwarze Gestalt wieder da, halten Armenierfrauen weinend die leblose Nuria auf ihren Armen, wickelt der Sturmwind einen blauen Turban auf und wirbelt in hoch, bis er am Minarett einer Moschee flatternd hängen bleibt.
Die Hirten unter den Dorfbewohnern haben es bemerkt: Der Schneesturm hat sein elfenbeinfarbenes Licht verloren. Er hat jetzt einen leichten Stich ins Bläuliche. Das bedeutet Kälte, noch grössere Kälte. Die Schafe sind merkwürdig ruhig, und die kleinen Gebirgspferde rücken von den Stallmauern weg. Versunken in ihre Winterpelze stehen sie reglos da. Nur ihre Ohren folgen fernen Stimmen und dem Weinen der Kinder und Frauen.
Halil hat die Arbeit weggelegt. Es fehlen nur noch wenige Stiche an Nurias Röcklein. Nesaket ist stiller geworden. Sie sitzt am Boden, blickt auf ihr Kind und spinnt dazu Wolle. Ihr Fuss schmerzt. Das bedeutet gewöhnlich, dass das Wetter ändern wird. Halil bringt aus dem Vorraum, der zugleich Küche ist, Fladenbrot und Käse. Er giesst Tee an, zerkleinert mit der Zange die grossen Zuckerbrocken. Nuria will nichts mehr essen, nichts mehr trinken.
Nesaket öffnet das Türchen des Blechofens, damit der Schein der Glut das runde Blech, das auf dem Boden als Tisch dient, beleuchtet. Die Lampe wird nicht entzündet, zu gering ist der Vorrat an Petrol. Halils Benzinfeuerzeug genügt, wenn in der Dunkelheit etwas gesucht werden muss.
Die Nacht ist stiller als die vorangehenden Nächte. Der Wind hat nachgelassen. Halil und Nesaket haben Nuria zwischen sich gebettet. Der Atem des Kindes ist leiser und schneller geworden. Das Körperchen ist heiss.
"Dschanum, Liebster", flüstert Nesaket Halil zu, und er gibt ihr eine Hand über Nuria, und sie küssen sich. "Falls ich einschlafen sollte, weck mich, wenn mit Nuria das Letzte geschieht." sagt Nesaket, "ich möchte bei ihr sein, sie bis an die Schwelle des Paradieses begleiten." Halil drückt beruhigend Nesakets Hand.
Die Mistfladen im Ofen sind erloschen und zu flaumleichter Asche geworden. Die Kälte kriecht aus der Fensternische und aus den Stubenecken bis zu den Schläfern. Sie schleicht über sie hin, schaut ihnen ins Gesicht, prüft, ob da noch Leben ist.
Halil erschrickt. Die Kälte hat ihn angerührt. Er hat geschlafen. Er stützt sich auf, blickt zu Nesaket hinüber. Auch sie schläft. Friedlich, fast lächelnd ist ihr Gesichtsausdruck. Und Nuria? Er hält seinen Kopf an ihre Brust. Geht da noch ein Atem, geht da keiner mehr? Er streicht über ihr kaltes Gesichtchen. Er horcht wieder an ihrer Brust. Nichts.
Halil schält sich aus der Decke hervor. Betäubt sitzt er da. Kein Gedanke will mehr kommen. Sein Kopf ist leer. Sein Herz ist leer. Er kneift sich in die Hand. Nein, er träumt nicht. Er ist da. Er hat alles verschlafen. Er hat Nesaket nicht geweckt. Allah hat's gegeben, Allah hat's genommen. Wie soll man das verstehen? Die Seelen der toten Armenier sind unerbittlich in ihrer Rache.
Halil blickt zum Fenster. Dort steht die verschneite Kulisse der gegenüberliegenden Berge, und über ihr hangen ein paar funkelnde Sterne. Der Sturm ist vorbei. Alles ist vorbei. Alles.
Halil küsst Nurias kalte Wangen. Dann steht er leise auf. Wozu soll er Nesaket wecken:, Es ist ja alles vorbei. Er geht vorsichtig zur Tür, nimmt den Schaffellmantel von der Wand und zieht ihn über.
Im Vorraum zieht er ein zweites Paar Socken an und schlüpft in seine Gummischuhe. Kälte schlägt ihm draussen ins Gesicht. Die Sterne sind am Verblassen. Halil steigt über die verschneite Leiter aufs Erddach. An verschiedenen Stellen liegt der Schnee kniehoch, an anderen hat der Wind das Dach reingefegt.
Die Bergspitzen beginnen sich zu röten. Halil weint. Die Tränen gefrieren im Schnurrbart. Nun ist er niemand mehr. Das letzte Stück Achtung im Dorf, seine schwarzhaarige und blauäugige Nuria, hat er verloren. Nun werden auch die Frauen, seine letzten Arbeitgeber, ausbleiben aus Angst vor der Rache der Armenier, die in seinem Haus über sie kommen könnte.
Halil wirft sich nieder zum Gebet. Er tut dies mit heftigen Bewegungen, um sich gegen die Kälte zu schützen. Am Ende des Morgengebetes bleibt er auf den Fersen sitzen. Die Tränen in seinen Augen füllen sich mit den Farben des Morgens. Die Gipfel stehen rot im violettlichen Himmel, aus dem noch ein paar Sternflitter funkeln. Und ganz leise beginnt Halil zu singen: "La ilaha illallah. La ilaha illallah..."
Jetzt trifft die Sonne den ersten Gipfel. Blendend weiss steht er vor dem wolkenlosen Himmel. Da und dort warten einsame Gestalten auf den Erddächern in der bissigen Kälte auf das Sonnenlicht. Aus dem Kamin hört Halil, wie Nesaket fröhlich singend im Ofen Feuer macht.

Anmerkungen
Sprache ist vor allem Klang. Deshalb wurden in diesem Text alle Namen und alle Wörter kurdisch. türkischer, arabischer Herkunft in phonetischer Schreibweise wiedergegeben. Zum tieferen Verständnis einiger Begriffe sollen folgende Erläuterungen beitragen:

Brugger Neujahrblätter 105 (1995)



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