Jannis Zinniker

Zelal
Erzahlung aus Kurdistan

 


Die goldenen Lichter, die am Weltrand gehen,
haben viel sich gedreht und werden viel sich drehen.
Und wir im ewigen Kreislauf der Erscheinungen,
kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehen.
Omar Chajjam

 

Die Fotografien Verstorbener machen mich nachdenklich. Die Menschen auf ihnen haben sich dem Alterungsprozess entzogen. Sie haben die Zeit für sich angehalten. Die jung Verstorbenen blicken mich immer gleich keck an, wahrend ich alter und alter werde, und die im Alter Verstorbenen scheinen nur darauf zu warten, bis ich so bin wie sie.
Selbst meine eigenen Bilder entfernen sich von mir. Das Kleinkind mit dem Lockenkopf und den grossen Augen, der Bubenkopf auf dem Klassenfoto, der junge Musiker in der schmucken Weste, sie alle werden mir fremder und fremder.
Meine alten Tagebücher lese ich wie Mitteilungen aus einem anderen Leben. Aufschreiben konserviert nichts. Es ist für mich nur noch ein Werkzeug, um das täglich auf mich einsturzende Leben ein wenig zu ordnen, bevor es vom Strom der Zeit wieder mitgerissen wird. Ein paar Ablagerungen bleiben als Erinnerungen, werden umgeschichtet, weiter getrieben, zerrieben. Die Welt, diese Karawanserei, wie du, Zelal, sie nanntest, lädt nicht zum Bleiben ein.
Wahrend ich am Bett meiner Mutter im Alters- und Pflegeheim sitze, ihre Gesichtszüge betrachte, die in den letzten Tagen stiller, unverkrampfter geworden sind, wahrend ich auf ihre abgemagerten Hände blicke, auf die trockene Haut, auf das dunkelblaue Gewachs der Adern, das durchscheint, erinnere ich mich an ihr Geburtsjahr: 1899.
Am fünfzehnten August dieses Jahres würde sie hundert werden. Würde, sage ich, denn ich merke, wie sie sich vom Leben zurückzieht. Häufiger als früher liegt sie mit geschlossenen Augen da und spricht nur noch wenig. Beim Abschied hat sie ein anderes Lächeln. Die Falten des Gesichtes sind verschwunden, seit sie fast nichts mehr isst. Heiter kommt sie mir vor. Nur entlang der Schlüsselbeine sind tiefe Mulden. Der blaugeblümte Stoff des Nachthemdes grenzt die Körperstelle, auf welcher man die ruhigen, aber flachen Atemzüge gut ablesen kann, seltsam schön ein.
Als Mutter 1899 in der Oberpfalz zur Welt kam, regierte in Deutschland ein Kaiser. Er ist schon lange tot. Mutter hat ihn überlebt und, wie vieles aus ihrem Leben, vergessen. Der Erste Weltkrieg, der Tod ihrer Eltern, die Geburt ihrer Kinder, der Zweite Weltkrieg, der Tod ihrer Geschwister, der Tod ihres Mannes, alles liegt weit hinter ihr. Sie ist einfach da, atmet, öffnet hin und wieder die Augen, sagt ja oder schüttelt den Kopf, wenn ich sie frage, ob sie noch einen Schluck Tee möchte.
Mit Mutter kann ich noch sprechen, mit Zelal ist dies nicht mehr möglich. Am ersten Januar 2000 wäre er achtundzwanzig geworden, aber sein Körper liegt bereits fünf Jahre in einer steinigen Gegend am Nordostabhang des Ararat. Die kalten Winter und die heissen Sommer werden von ihm nur die Knochen übrig gelassen haben. In höchster Eile hätten ihn ein paar seiner Familie verscharrt. Es hätte nicht mal gereicht, ihn ordentlich in ein Leichentuch einzunähen. Das Grab war nur ganz flach ausgehoben worden, und ein Brett, um die Erde vom Körper fern zu halten, hätte auch gefehlt.
Das Jahr 2000 hätte Zelal nichts bedeutet, weil für ihn die muslimische Zeitrechnung zählte. Sein Geburtsdatum stimmte wohl auch nicht, weil der Dorfälteste alle während eines Jahres geborenen Kinder am ersten Januar ins Register einzutragen pflegte. Es gab deshalb keinen Menschen im Dorf, der nicht an einem ersten Januar geboren worden wäre.
Als ich Zelal an den Abhängen des Cildir-Dag kennenlernte, war er ein schoner junger Hirte. Er machte sich nichts draus. Seit er einem Derwisch am Grab des Dichters Ahmet Hani begegnet war, interessierten ihn innere Dinge mehr als die Leiden schaffenden Leidenschaften der Welt.
Als mein Vater gestorben war, sagte er zu mir: "Die Welt ist eine Karawanserei." Und er erzählte die Geschichte vom Derwisch, der mit einer Kamelkarawane in den Palast des Sultans von Chorasan kam. Der Sultan war ungehalten darüber, dass da Kamele in den Palast geführt wurden. Verärgert fragte er den Derwisch: "Siehst du nicht, dass dies hier der Serail eines Herrschers und keine Karawanserei ist?" Der Derwisch erwiderte: "Ich dachte, dies sei eine Karawanserei. Da dein Vater, dein Grossvater und deine Ahnen nicht mehr hier wohnen, habe ich das Gefühl, dass jeder hier einige Zeit bleibt und dann in eine andere Welt weiterreist. Auch du wirst eines Tages diese Reise antreten. Hast du die Vorbereitungen schon getroffen?" Der Sultan verstand. Er regelte seine Nachfolge, gab seine Stellung als Sultan der Menschen auf und wurde ein Sultan der Seele.
Ich erinnere mich, wie wir an jenem Tag das Abendgebet auf einem Felsvorsprung hoch über dem Tal gemeinsam verrichteten und wie ich endgültig Abschied nehmen konnte von meinem Vater.
Diesen Trost werde ich entbehren müssen, wenn meine Mutter die Welt, diese Karawanserei, verlassen wird. Ich werde nicht wie damals auf dem sonnenwarmen Felsen sitzen bleiben können, bis die ersten Sterne am dunkelnden Osthimmel erscheinen. Zelals weiche Stimme wird mir keine Verse von Omar Chajjam zuflüstern. Räuber wird der Wind diesmal durch die leere Karawanserei fegen. Vielleicht werde ich mein Leben diesmal wie der Sultan von Chorasan ändern.
Häufig liegt Mutter mit gefalteten Händen da. Seit ihre Augen so schwach geworden sind, dass sie nicht mehr stricken kann, ist das Beten zu ihrer Hauptbeschäftigung geworden. Vielleicht wird sie betend diese Welt verlassen. Ihr Beten erinnert mich an Zelal, der nie eines seiner fünf Gebete im Tag ausliess, sondern eher noch eines hinzufügte.
Ich war nicht dabei, als Zelal hingerichtet wurde. Ich liess mir die Geschichte immer wieder von anderen Augenzeugen erzählen in der Hoffnung, eine erträgliche Version zu hören. Aber es gab keine erträgliche Version. Bis auf kleine Details sagten alle dasselbe.
Zelal sei mit den Männern des Dorfes zum Mittagsgebet in der Moschee gewesen. Da habe man Fahrzeuglärm und Schüsse gehört. Alle, auch der Vorbeter, seien eiligst abgehauen. Nur Zelal habe das Gebet nach Vorschrift zu Ende geführt. Aus den Verstecken in den Felsen oberhalb des Dorfes und im Buschwald hätten sie gesehen, wie die Soldaten von den Schützenpanzern gesprungen und in die Häuser eingedrungen seien. Das Geschrei der misshandelten Kinder und Frauen sei unerträglich gewesen. Trotzdem habe sich keiner der Männer aus seinem Versteck gewagt. Da sei Zelal aus der Moschee gekommen. Er habe sich mit erhobenen Armen den Soldaten ergeben. Sie hätten ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt, mit einem Seil die Füsse zusammengebunden und das Seil am gepanzerten Fahrzeug befestigt. Dann sei er zu Tode geschleift worden. "Allaaah ... allaaah ... " Diese lang gedehnten Schreie seien allen durch Mark und Bein gedrungen. Bei der Brücke ausserhalb des Dorfes hätten sie das Seil ausgeklinkt und den Fleischklumpen liegen lassen.
Ich habe Mutter von den Reisen und Expeditionen ins Kurdengebiet erzählt. Die Geschichte von Zelal habe ich verschwiegen. Sie wird sie nicht kennen lernen, auch wenn sie vielleicht doch noch ihren hundertsten Geburtstag oder sogar das Jahr 2000 erleben wird.
Mutter weiss kaum mehr, welchen Wochentag wir haben. Ich habe den Eindruck, dass sie sich von unserer, der Lebenden Zeit zurückzieht. Früher war ihr der Wecker auf dem Nachttisch wichtig. Jetzt steht er schon seit längerer Zeit still.
Was werden wir mit Mutters Wecker machen ? Was wird mit dem Kasten voller Kleider, der Vitrine mit schönem Geschirr, der Erbauungsliteratur, dem Neuen Testament in Grossdruck, der Fotografie von Mutters Konfirmation geschehen? Was werde ich als Andenken behalten?
Von Zelal ist mir ein Foto geblieben. Gern hätte ich seine Betschnur mit den Perlen aus hellblauem durchsichtigem Glas gehabt. Zelal heisst auf Kurdisch klar, durchsichtig. Aber die Schnur zerriss wohl, als sie ihn zu Tode schleiften. Die Perlen liegen irgendwo verstreut. Bei meinem letzten Besuch im Dorf habe ich mit den Schuhen das Geröll und den Staub am Strassenrand durchfurcht. Nicht eine einzige Perle habe ich gefunden.
Geblieben sind mir Zelals Geschichten, zum Beispiel die von Al-Halladsch Mansuri, der in Bagdad wegen Gotteslästerung hingerichtet worden war. Zur Schmach hätte man ihn gekreuzigt und ihm die Hände abgeschlagen. Das zur Erde tropfende Blut schrieb in den Sand: Allah. Da wurde der Körper verbrannt. Die Asche wurde in den Tigris gestreut. Aber die Asche formte auf der Wasseroberfläche wieder dies eine Wort: Allah.
Zelal kamen bei dieser Geschichte immer Tränen. War das die Einübung in das schreckliche Allaaah, das er sterbend zu den Felsen über dem Dorf und zum Schneegipfel des Ararat schrie? Was wissen wir schon vom Leben? Wird da Regie geführt, regiert der Zufall, oder ist beides in unerklärlicher Weise miteinander verknüpft ?
Als Vierjähriger war Zelal todkrank gewesen. Da erschien ihm im Fiebertraum ein freundlicher Derwisch, der ihn liebevoll an der Hand nahm und in ein lichtvolles Zimmer führte. Am Morgen war Zelal genesen. Von diesem Augenblick an rettete der Derwisch ihn vor giftigen Schlangen, Bergstürzen, Wölfen und Soldaten. In einem Gewitter am Gipfel des Cildir-Dag blieb auch ich an Zelals Seite auf wunderbare Weise am Leben. Ich habe es Mutter erzählt, weil es gut zu ihrer Weltsicht passt, nach der alles unter Gottes Führung geschieht. Mich aber beunruhigt die Geschichte mit dem rettenden Derwisch je länger je mehr. Warum beschützte er Zelal nicht bis zuletzt? Warum musste Zelal wie Al-Halladsch zugrunde gehen ?
Mutter beschwert sich nicht über ihren Zustand. Sie hat am Gesäss Stellen, an denen die Haut vom Liegen durchgescheuert ist. Sie hat Schmerzen. Aber sie vertraut weiterhin auf das, was sie göttliche Führung nennt, auch wenn sie manchmal sagt, sie möchte am liebsten endlich sterben, sie habe genug vom Leben.
Zelal glaubte an einen Todesengel, der auf Gottes Geheiss unsere Seele zur vorbestimmten Zeit abholt. Wenn Mutter vom Sterben redet, denke ich an Zelals Geschichte.
Einem jungen Mann in Damaskus erschien im Traum der Todesengel Ezrail und kündigte ihm den bevorstehenden Tod an. Der junge Mann erwachte erschrocken und wandte sich um Hilfe an den weisen Salomo, der es ihm ermöglichte, vom Wind in Sekundenschnelle ins weit entfernte Bagdad getragen zu werden. Aber dort wartete bereits Ezrail, um die Seele in Empfang zu nehmen. Der junge Mann erschrak zu Tode, während Ezrail sich wunderte: "Gestern bekam ich den Auftrag, dich heute in Bagdad zu holen, und ich wunderte mich sehr, dass du schlafend noch in Damaskus warst. Wie bist du nur so schnell hergekommen?"

Wie sind wir so schnell ins Leben gekommen? Wie scheiden wir so schnell wieder aus der Welt?
Die meisten wollen es nicht wissen. Sie haben sich dem Dezimalsystem verschrieben und feiern unbeeindruckt von Ezrail runde Geburtstage und veranstalten Jahrhundert- und Jahrtausendfeiern.

erschinen in:
Badener Neujahrsblätter
2000

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